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Full text of "Pittoreske Ansichten der Cordilleren und Monumente americanischer Völker"

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UC-NRLF 


LJ    IDl    3EM 


U.C.BERKELEY  LIBRARIES 


co^D7^blbö 


Pittoreske    Ansichten 


der 


Cordilleren 


und 


Monumente  americanischer  Völker 


Alexander   von  Humboldt. 


Tübingen, 

in    der    J.    G.     Cotta'aehen    Buchhandlung. 

1810. 


/ 


Denkmale  von  Völkern ,  die  dufch  langer  Jalirhunderte 
Ztvischeriraum  von  uns  gerrennt  sindj  können  unser  Interesse 
auf  eine  doppelte  Weise  fesseln.  Gehören  Kunstwerke,  die 
bis  auf  uiisre  Zelten  gtkommen  sind ,  Natioien  an ,  welche 
schon  einen  beträchtlichen  Grad  der  Cuitur  erreicht  hatten, 
so  erwecken  sie  unsre  Bewunderung,  theils  durch  die  Har- 
monie und  Schönheit  der  Ff^rmen^  theils  durch  das  Genie, 
das  sie  gedacht  hat  Die  Büste  von  Alexander,  welche  man 
in  den  Gürten  der  Pisonen  gefunden,-  würde  ein  kostbares 
Ueberbleib'sel  des  Alterthums  seyn^  belehrte  uns  ihre  Inschrift 
auch  nicht ,  dafs  sie  die  Gesichtszüge  des  Ueberwinders  bei 
Arbela  darstellt.  Ein  geschnittener  Stein  ,  eine  Münze  aus 
den  schönen  Zeiten  von  GriechcMiland  ist  dem  Kunstfreunde 
wegen  des  grofsen  Styls  Und  der  vollendeten  Arbeit  auch 
dann  wichtig,  wenn  weder  eine  Tradition,  noch  ein  Mo- 
Bogramni  beide  an  einen  bestimmten  Zeitraum  der  Geschich- 
te anknüpft.  Diefs  ist  das  Vorrecht  alles  dessen,  was  die 
Kunst  unter  dem  Hinimel  von  Klein-Asien  und  einem  Theil 
des  südlichen  Europa's  gebildet  hat! 

Diifü  können  aber  Denkmale  von  Völkern ,  die  keinen 
hohen  Gravi  von  intellectueiler  Cuitur  erreicht  haben,  odeit* 
welche,  theils  wegen  politischer  und  religiöser  Ursachen, 
theils  wegen  der  Beschaffenheit  ihrer  Organisation ,  für 
Schoiiheit  der  Formen,  weniger  empfänglich  waren,  nur  als 
historische  Monumente  Aufmerksamkeit  verdienen.  In  diese 
Klasse  gehören  diejenigen  Reste  von  Bildhauer- Arbeit,  wel- 
che in  den  grofsen  Landern  zwischen  dem  Euphrat  und  den 
östlichen  Küsten  Asiens  zerstreut  sind.     Die  Idole  von  Thi- 

Uumhoi  ^':<  pitt.  Ans.d.  Cordill.  t 


bet  und  Indostan ,  so  wie  die,  welche  man  auf  dem  Central- 
Plateau  der  Mongolei  gefunden  hat,  ziehen  unsre  Auf- 
merksamkeit an,  weil  sie  über  die  alten  Verbindungen  der 
Völker  und  über  den  gemeinschaftlichen  Ursprung  ihrer 
mythologischen  Ueberlieferungen  Licht  verbreiten. 

Die  rohsten  Werke,  die  seltsamsten  Formen,  jene  Mas- 
gen von  ausgehauenen  Felsen ,  die  nur  durch  ihre  Gröfse , 
und  das  hohe  Alterthum ,  welches  ihnen  beigelegt  wird, 
Ehrfurcht  gebieten ,  die  ungeheuren  Pyramiden,  die  das  Zu- 
sammenarbeiten einer  Menge  von  Menschen  verrathen ;  al- 
les dieses  knüpft  sich  an  das  philosophische  Studium  der 
Geschichte  an. 

Aus  gleichem  Grunde  sind  die  schwachen  Ueberbleib- 
sel  der  Kunst,  oder  vielmehr  der  Industrie  der  Völker  der 
neuen  Welt  unserer  Aufmerksamkeit  würdig.  Ueberzeugt 
von  dieser  Wahrheit  habe  ich  daher  auf  meinen  Reisen  alles 
gesammelt,  was  mich  thätige  Wifsbegierde  in  einem  Lande 
entdecken  liefs ,  wo,  während  ganzer  Jahrhunderte  von 
Barbarei,  die  Intoleranz  Alles,  was  auf  die  Sitten  und  den 
Gottesdienst  der  alten  Bewohner  Bezug  hatte,  zerstörte;  wo 
man  Gebäude  niederriefs,  blos  um  die  Steine  derselben  an- 
ders zu  benutzen,  oder  um  nach  verborgenen  Schätzen  zu 
forschen. 

Die  Vergleich ung,  welche  ich  zwischen  den  Kunstwer- 
ken von  Mexico  und  Peru  und  denen  der  alten  Welt  anzu- 
stellen gedenke,  wird  einiges  Interesse  über  meine  Nach- 
forschungen, und  über  den  mahlerischen  Atlas  verbreiten , 
der  die  Resultate  derselben  enthält.  Frei  von  Systemssucht, 
werde  ich  die  Analogien,  welche  sich  von  selbst  anbieten, 
darlegen,  und  diejenigen,  so  eine  Identität  der  Ra9e  zu  er- 
weisen scheinen,  von  denen  unterscheiden,  die  wahrschein- 
lich ntir  auf  innere  Ursachen,  und  auf  jene  Aehnlichkeit 
Bezug  haben,  welche  sich  in  der  Entwicklung  der  intellec- 
tuelien  Kräfte  aller  Völker  darstellt.    Ich  mufs  mich  hier  auf 


-       3       - 

eine  kurze  Beschreibung  der,  auf  den  Kupfertafeln  vorge- 
stellten, Gegenstände  beschränken.  Die  Folgerungen,  auf 
welche  diese  Monumente  zusammengenommen  zu  führen 
scheinen,  können  erst  in  dem  Reisebericht  abgehandelt  wer- 
den. Da  die  Völker,  denen  man  diese  Gebäude  und  Bild- 
nereien  beimifst,  noch  vorhanden  sind,  so  mag  ihre  Physio- 
gnomie und  die  Kenntnifs  ihrer  Sitten  zur  Aufklärung  der 
Geschichte  ihrer  Wanderungen  dienen. 

Nachforschungen  über  Monumente,  die  von  halbwilden 
Völkern  errichtet  worden  sind ,  haben  noch  ein  anderes  In- 
teresse, das  man  das  psychologische  nennen  könnte.  Sie 
stellen  uns  ein  Gemähide  von  den  gleichförmigen  Fortschrit- 
ten des  menschlichen  Verstandes  dar.  Die  Werke  der  ersten 
Bewohner  von  Mexico  stehen  zwischen  jenen  der  scythischen 
Völker  und  den  alten  Denkmalen  von  Indostan  in  der  Mitte. 
Welch  ein  imposantes  Schauspiel  zeigt  uns  der  menschliche 
Verstand,  wenn  wir  den  Raum  zwischen  den  Grabmahlen 
auf  Tinian  und  den  Bildsäulen  auf  der  Osterlnsel  bis  zu  den 
Monumenten  des  mexicanischen  Tempels  zu  Milta,  und 
dann  wieder  zwischen  den  unförmlichen  Idolen  dieses  Tem- 
pels bis  zu  den  Meisterwerken  eines  Praxiteles  und  Lysip- 
pus  durchlaufen ! 

Wundern  wir  uns  nicht  über  die  Rohheit  des  Styls  und 
die  Unrichtigkeit  der  Umrisse  in  den  Werken  der  america- 
nichen  Völker.  Sehr  frühe  Vielleicht  von  dem  übrigen  Men- 
sehengeschlecht  abgesondert,  ein  Land  durchirrend,  wo  der 
Mensch  lange  gegen  eine  wilde,  stets  unruhige,  Natur  zu 
kämpfen  hatte ,  und  sich  völlig  selbst  überlassen ,  konnten 
sie  sich  doch  wohl  nur  langsam  entwickeln.  Das  Östliche 
Asien,  West-  und  Nord -Europa  zeigen  uns  ähnliche  Er- 
scheinungen. Wenn  ich  aber  auf  sie  hinweise,  werdeich 
mich  nicht  darauf  einlassen,  über  die  geheimen  Ursachen  zu 
entscheiden ,  wegen  deren  sich  der  Keim  der  schönen  Kün- 
ste nur  auf  einem  sehr  kleinen  Theil  des  Erdbodens  ent- 


—        4        — 

wickelt  hat.  Wie  viele  Nationen  der  alten  Welt  lebten  um- 
geben von  Allem,  was  die  Einbildungskraft  begeistern  konn- 
te, unter  gleichem  Himmelsstriche  mit  Griechenland,  ohne 
sich  darum  je  zum  Gefühl  für  schöne  Formen  zu  erheben, 
einem  Gefühl,  das  die  Kunst  nur  da  geleitet,  wo  griechi- 
scher Genius  sie  befruchtet  hatte ! 

Diese  Betrachtungen  werden  hinreichen,  den  Zweck  zu 
bestimmen  ,  welchen  ich  mir  bei  Bekanntmachung  dieser 
Bruchstücke  von  americanischen  Denkmalen  vorgesetzt  habe. 
Ihr  Studium  kann  eben  so  nützlich  werden ,  als  das  der  un- 
ausgebildetsten  Sprachen  ,  welche  nicht  allein  durch  ihre 
Analogie  mit  bekannten  Sprachen ,  sondern  auch  durch  das 
innige  VerhUltnifs,  das  zwischen  ihrem  Bau  und  dem  Intel- 
ligenz-Grade des ,  mehr  oder  minder  von  der  Civilisation 
entfernten,  Menschen  statt  findet ,  merkwürdig  sind. 

Wenn  ich  in  eben  demselben  Werk  die  rohen  Denkmale 
der  Ureinwohner  von  America,  und  die  mahlerischen  An- 
sichten des  Gebirgslandes,  welches  diese  Volker  bewohnt 
haben,  darstelle,  so  glaube  ich  Gegenstände  zu  vereinigen, 
deren  gegenseitige  Beziehung  denen,  die  sich  mit  dem  phi- 
losophischen Studium  des  menschlichen  Geistes  besclfüfrigen, 
nicht  entgangen  ist.  Hängten  auch  gleich  die  Sitten  der  Na- 
tionen, die  Entwicklung  ihrer  Verstandskrafte  und  der  el- 
genthümliehe  Karakter  ihrer  Werke  von  einem  Zusammen- 
treffen vieler,  nicht  blos  Örtlicher,  Ursachen  ab,  so  habeh 
doch  ohne  Zweifel  Clima,  Bildung  des  Bodens,  die  Physio- 
gnomie der  Pflanzen,  der  Anblick  einer  lachenden  oder  wil- 
den Natur  auf  die  Fortschritte  der  Kunst  und  auf  den  unter- 
scheidenden Styl  ihrer  Werke  den  entschiedensten  Einilufff. 
Dieser  ist  um  so  bemerkbarer,  je  entfernter  der  Mensch  von 
der  Civilisation  steht.  Welcher  Contrast  zwischen  der  Ar- 
ehitectur  eines  Volks,  das  grofse  finstere  Höhlen  bewahnt 
hat,  und  zwischen  den  kühnen  Monumenten  von  solchen  , 
die  länge  Zeit  al&  Namadenhorden  gelebt,   wo  die  Silul^i»- 


—       5       — 

«chKfte  an  di>  schlanken  Palmbäume  der  Wüste  erinnern ! 
Will  man  den  Ursprung  der  Kunst  genau  kennen,  so  mufs 
man  die  Beschaffenheit  des  Bodens,  auf  dem  sie  entstauden 
ist,  Studiren,  Nur  bei  den  Gebirgs  -  Völkern  von  America 
ünden  sich  merkwürdige  Denkmale.  Abgesondert  in  der 
Wolkenregion,  auf  den  höchsten  Plateau's  der  Erde,  von 
Vulcanen  umringt,  deren  Kratern  mit  ewigem  Eis  umgeben 
sind,  scheinen  sie  in  der  Abgeschiedenheit  ihrer  Wüsten 
nur  das,  was  die  Einbildungskraft  durch  Gröfse  der  Tvlassen 
ergreift,  zu  bewundern,  und  tragen  ihre  Werke  auch  das 
Gepräge  der  wilden  Natur  der  Cordilleren. 

Ein  Theil  von  diesem  Atlas  soll  die  grofsen  Naturscenen 
dieses  Gebirgs  kennen  lehren.  Indefs  hat  man  weniger  die- 
jenigen, welche  einen  mahlerischen  Effekt  machen,  zu  zeich- 
nen gesucht,  als  die  Umrisse  der  Berge,  die  Thäler,  von 
denen  ihre  Seiten  durchfurcht  sind,  und  die  imposanten 
Fälle  der  Giefsbäche  darstellen  wollen.  Die  Anden  verhal- 
ten sich  zu  der  Gebirgskette  der  Hochalpen,  wie  diese  sich 
zu  den  Pyrenäen.  Was  ich  romantisches  oder  grandioses 
an  den  Ufern  der  Saverne ,  im  nördlichen  Deutschland,  in 
den  euganeischen  Gebirgen,  nuf  der  Centralkette  von  Eu- 
ropa, auf  dem  jähen  Abhang  des  Vulcans  von  Tenerifia  ge- 
sehen habe,  das  Alles  findet  sich  in  den  Cordilleren  der 
neuen  Welt  vereinigt.  Jahrhunderte  würden  nicht  hinreichen, 
die  Schönheiten  zu  betrachten  ,  und  die  Wunder  zu  entde- 
cken, welche  die  Natur  dort  auf  einer  Strecke  von  2500  Mei- 
len, von  den  Granitgebirgen  der  magellanischen  Meerenge, 
bis  zu  den  Nachbar- Küsten  des  östl  chen  Asiens  hin,  zer- 
streut hat.  Ich  würde  meinen  Zweck  daher  erreicht  zu  ha- 
ben glauben ,  wenn  die  schwachen  Skizzen ,  welche  dieses 
Werk  enthält,  kunstliebende  Reisenden  befeuerten,  jene 
Gegenden,  die  ich  durchlaufen  habe,  zu  besuchen,  um  die 
majestätischen  Landschaften,  mit  denen  die  der  alten  Welt 
gar  keine  Vergleichung  aushalten,  getreulich  darzustellen. 


Kupfertafel  I.   und  IL 

Büste  einer  Priesterin  der  Azteken, 

An  der  Spitze  meines  mahlerischen  Atlasses  steht  ein 
kostbares  Ueberbleibsel  von  aztekischer  Bildhauerei.  Diese 
Büste  ist  aus  Basalt  gearbeitet,  und  wird  zu  Mexico  in  dem 
Cabinet  eines  einsichtsvollen  Kunstfreunds,  des  königl.  spa- 
nischen Capitäns,  Herrn  Dupe,  aufbewahrt.  Dieser  unter- 
richtete Officier,  welcher  in  seiner  Jugend  den  Geschmack 
für  die  Kunst  in  Italien  eingesogen,  hat  das  Innere  von  Neu- 
Spanien  verschiedenemale  in  der  Absicht  bereifst,  die  mexi- 
canischen  Denkmale  zu  studieren.  Mit  vorzüglicher  Sorg- 
falt zeichnete  er  die  Reliefs  an  der  Pyramide  von  Papantla, 
über  die  er  ein  sehr  merkwürdiges  Werk  würde  liefern 
können. 

Die  Büste,  welche  in  ihrer  natürlichen  Gröfse  und  von 
zwei  Seiten  (Tafel  i.  und  2,)  dargestellt  ist,  fä  It  besonders 
durch  eine  Art  von  Kopfputz  auf,  der  mit  dem  Schleier,  oder 
der  Calantica  der  Isisköpfe,  der  Sphinxe, ider  Antinousse 
und  vieler  andrer  egyptischen  Statuen  Aehnlichkeit  hat. 
Indessen  ist  zu  bemerken,  dafs  bei  dem  egyptischen  Schleier 
die  zwei  Enden ,  weiche  sich  unter  die  Ohren  herab  ver- 
längern, meistens  sehr  klein,  und  in  die  Queere  gefaltet 
sind.  An  mehreren  Statuen  des  Apis,  in  dem  kapitolinischen 
Museum,  sind  die  vordem  Enden  bauchigt  und  der  Länge 
nach  gestreift,  die  hintere  Seite  aber,  welche  den  Hals  be- 
rührt, ist  ohne  Ausnahme  platt,  und  nicht,  wie  bei  dem 
mexicanischen  Kopfputz ,  gerundet.  Dieser  hat  vielmehr  mit 
der  gestreiften  Draperie  an  den  Köpfen ,  welche  in  die  Ka- 
pitaler der  Säulen  zu  Tentyris  eingefügt  sind,  die  gröste 
Aehnlichkeit,  wie  man  sich  durch  die  genauen  Zeichnun- 
gen überzeugen  kann,  die  Herr  Denon,  in  seiner  Reisenach 
Egypten,  Tafel  40  und  i2.\,  davon  geliefert  hat. 

Die  kannelierten  Wulste  an  dem  americanischen  Kunst- 


—       7        — 

werk,  welche  sich  gegen  die  Schultern  verlängern,  sind 
vielleicht  Haarmassen,  gleich  den  Locken,  die  sich  an  einer 
Statue  der  Isis  von  griechischer  Arbeit,  in  der  Bibliothek  der 
Villa  Ludovisi,  in  Rom,  vorfinden.  Diese  sonderbare  An- 
ordnung der  Haare  fällt  besonders  an  der  Rückseite  der  Büste, 
auf  der  zweiten  Platte,  auf,  wo  sie  einen  grofsen  Beutel, 
der  in  der  Mitte  durch  einen  Knoten  befestigt  ist,  vorstellt. 
Der  berühmte  Zoega,  den  der  Tod  vor  Kurzem  den  Wissen- 
schaften entrissen,  hat  mich  versichert,  dafs  er  einen  voll- 
kommen ähnlichen  Beutel  an  einer  kleinen  Statue  des  Osiris 
von  Bronze,  in  dem  Museum  des  Cardinais  Borgia,  zu  Ve- 
letri,  gesehen  habe. 

Die  Stirne  der  aztekischen  Priesterin  ist  mit  einer  Reihe 
Perlen  geschmückt,  welche  eine  sehr  schmale  Binde  einfas- 
sen. Diese  Perlen  hat  man  noch  an  keiner  egyptischen  Sta- 
tue wahrgenommen.  Sie  deuten  die  Verbindung  an,  welche 
zwischen  der  Stadt  Tenochtitlan,  dem  alten  Mexico,  und 
den  Küsten  von  Californien  statt  fand,  wo  sie  in  grofser 
Menge  gefischt  wurden.  Der  Hals  ist  in  ein  dreieckigtes 
Tuch  eingehüllt,  an  welchem  mit  vieler  Symmetrie  zwei 
und  zwanzig  Troddeln  oder  Schellen  herabhängen.  Diese 
Schellen,  so  witf  auch  den  Haarputz,  sieht  man  an  einer 
Menge  von  mexicanischen  Statuen,  Basreliefs  und  hierogly- 
phischen Gemählden.  Sie  erinnern  an  die  kleinen  Aepfel 
und  Granatfrüchte,  die  an  dem  Rock  des  Hohenpriesters  bei 
den  Hebräern  angebracht  waren. 

An  dem  Vordertheil  der  Büste,  einen  halben  Decimeter 
über  d^r  Base,  bemerkt  man  zu  beiden  Seiten  die  Zehen; 
dagegen  finden  sich  aber  keine  Hände,  was  die  Kindheit  der 
Kunst  be weifst.  Man  glaubt  auf  der  Rückseite  wahrzuneh- 
men, afs  die  Figur  sitzend,  oder  gar  kauernd  vorgestellt 
ist.  Es  ist  zu  verwundern,  dafs  die  Augäpfel  nicht  ausge- 
drückt sind,    da  sie  sich  doch  an  den  Basreliefs,    welche 


neuerlich  zu  Oaxaca  entdeckt  worden  sind,  voriinden.  (S. 
Tafel  XL) 

Der  Basalt  an  dieser  Figur  ist  sehr  hart,  und  von  schö- 
ner Schwarze.  Es  ist  ein  achter,  mit  einigen  Körnern  von 
Peridot  vermischter,  Basalt,  und  nicht  lydischer  Stein,  oder 
Porphyr  mit  einer  Base  von  Grünstein,  den  die  Antiquarien 
gemeiniglich  ägyptischen  Basalt  nennen.  Die  Falten  des 
Kopfputzes,  und  besonders  die  Perlen  sind  äufserst  fein  aus- 
gearbeitet^ wenn  schon  der  Künstler,  welcher,  aus  Mangel 
an  Meifseln  von  Stahl,  mit  kupfernen,  mit  Zinn  vermischten, 
Werkzeugen,  dergleichen  ich  aus  Peru  mitgebracht  habe, 
arbeiten,  und  defswegen  bei  der  Ausführung  grofse  Schwie- 
rigkeiten finden  mufste. 

Diese  Büste  ist  unter  den  Augen  des  Herrn  Dup^  durch 
einen  Zögling  der  Mahlerakademie  zu  Mexico  sehr  f':enau 
gezeichnet  worden.  Sie  hat  o"\  38  Höhe,  und  o"^,  19  Breite, 
Ich  habe  ihr  die  Benennung :  Büste  einer  Priesterin ,  die 
man  ihr  im  Lande  selbst  giebt,  gelassen.  Es  könnte  übri- 
gens wohl  seyn,  dafs  sie  irgend  eine  mexicanische  Gottheit 
darstellt,  und  ursprünglich  unter  den  Penaten  gestanden  hat. 
Diese  Muthmafsung  wird  durch  den  Kopfputz  und  die  Perlen 
gerechtfertiget,  welche  sich  an  einem,  in  den  Ruinen  von 
Tezcuco  gefundenen ,  Idol ,  das  ich  zu  Berlin  in  dem  Kabi- 
net des  Königs  von  Preussen  niedergelegt  habe,  vorfinden. 
Des  Halsschmuck  und  das  Nichtunförmliche  dts  Kopfs  ma- 
chen es  hingegen  wahrscheinlicher,  dafs  die  Büste  ein  ge- 
wöhnliches aztekisches  Weib  vorstellt.  Unter  dieser  Vor- 
aussetzung könnten  aber  die  kannelierten  Wulste,  welche 
sich  gegen  die  Brust  hin  verlängern,  keine  Haarlocken  seyn; 
denn  der  Oberpriester,  oder  Tepanteohuatzin,  schnitt 
den  Jungfrauen,  welche  sich  dem  Tempeldienst  widmeten, 
die  Haare  ab. 

Eine  gewifife  AehnUohkeit  zwischen  der  Calantica  der 
Isis -Köpfe  und  dem  mexicanischen  Kopfputz,  oie  Pyrami-. 


—       9       — 

den  mit  mehrern  Absätzen ,  gleich  denen  zu  Fejum ;  dann 
der  häufige  Gebrauch  der  hieroglyphischen  Mahlerei,  die 
fünf  Ergänzungstage ,  so  dem  mexicanischen  Jahre  beigefügt 
wurden,  und  welche  ^n  die  Epagomenen  des  memphiti- 
schen  Jahres  erinnern,  bieten  sehr  merkwürdige  Verglei- 
chungspunkte zwischen  den  Völkern  des  alten  und  des 
neuen  Continents  dar.  Uebrlgens  sind  wir  weit  davon  ent- 
fernt, uns  Hypothesen  zu  überlassen,  welche  eben  so 
schwankend  und  gewagt  seyQ  wiirden,  als  diejenigen,  kraft 
deren  man  aus  den  Cliinesen  eine  egyptische  Colonie,  und 
aus  der  baskischen  Sprache  einen  hebräischen  Dialekt  ge- 
macht hat.  Untersucht  man  die  Thatsachen  einzeln,  so  ver- 
schwinden die  meisten  dieser  -Aehnliphkeüen  wieder.  So 
ist,  zum  Beispiel,  das  mexicanische  Jahr,  troz  seiner  Epa- 
gomeren,  von  dem  egyptischen  durchaus  verschieden.  Ein 
grofser  Geometer,  der  sich  die  Mühe  genommen  ,  meine  mit- 
gebrachten Bruchstücke  zu  untersuchen,  hat  mittelst  der 
mexicanischen  Interca  ation  gefunden,  dafs  die  Länge  des 
tropischen  Jahrs  der  Azteken  mit  der  Lange,  welche  die 
Astronomen  des  Alamon  herausgebracht  haben ,  identisch 
ist.  (^Laplace ,  exposltion  du  Systeme  du  monde,  3"*® 
^dit,  P.  554.) 

Steigt  man  in  die  ältesten  Zeiten  empor,  so  weifst  uns 
die  Geschichte  auf  mehrere  Mittelpunkte  der  Civilisation , 
deren  gegenseitige  Verhältnisse  zu  einander  uns  völlig  un- 
bekannt sind,  wie  z.  B^  Meroe,  Egypten ,  die  (Jfer  des  Eu- 
phrats,  Indastan  qnd  China,  Andre,  noch  ältere,  Heerde 
der  Menschenbildung  standen  vielleicht  auf  dem  Plateau  von 
Central  -  Asien  ;  und  dem  Wiederschein  der  letzten  möchte 
man  wohl  den  Anfang  der  americanischen  Civili3ation  bey- 
ipessen, 


—       lo       — 

Dritte  KupfertafeL 
Ansicht  des  grofsen  Platzes  zu  Mexico, 
Tenochtitlan ,  die  Hauptstadt  von  Anahuac,  welche  im 
Jahr  1325  in  dem  westlichen  Theil  des  Salz- Sees  von  Tez- 
cuco,  auf  einer  Gruppe  kleiner  Inseln  gegründet  wurde, 
ward  während  der  fünf  und  siebenzigtägigen  Belagerung 
1521  gänzlich  zerstört.  Cortez  erbaute  die  neue  Stadt,  welche 
nahe  bei  i40,oooEinwohnerzählt  auf  den  Trümmern  deralten, 
wobei  man  den  ehemaligen  Richtungen  der  Strafsen  folgte. 
Dagegen  wurden  die  Kanäle,  welche  sie  vormals  durch- 
schnitten, nach  und  nach  eingefüllt,  und  Mexico  läfst  sich 
heutzutag  durch  die  Verschönerungen  des  Vicekönigs,  Grafen 
von  Revillagigedo,  den  vorzüglichsten  Städten  von  Europa 
vergleichen.  Der  grofse  Platz,  welcher  auf  der  dritten 
Platte  vorgestellt  ist,  begreift  den  Raum,  den  vormals  der 
grofse  Tempel  des  Mexitli  einnahm,  der,  wie  alle  Teo- 
callVs^  oder  mexicanische  Götterhäusern,  ein  pyramidali- 
8ches  Gebäude,  und  demnach  dem  babylonischen  Monument 
des  Jupiter  Belus  ähnlich  war.  Zur  Rechten  sieht  man  den 
Pallast  des  Vicekönigs  von  Neu-Spanien,  ein  Gebäude  von 
einfacher  Architectur,  das  ursprünglich  der  Familie  Cortez, 
d.  i.  des  Marques  del  Falle  de  Oaxaca ,  Duca  de 
Monteleone ,  zugehörte.  In  der  Mitte  des  Kupferstichs 
zeigt  sich  die  Hauptkirche,  wovon  ein  Theil  (e/  sagrario) 
in  dem  alten  indischen  oder  maurischen  Styl  ,  den  man  ge- 
wöhnlich den  gothischen  nennt,  erbaut  ist.  Hinter  der  Kup- 
pel des  Sagrario,  an  der  Ecke  der  Strafse  del  Indio  triste 
und  der  von  Tacuba,  stand  ehemals  der  Pallast  des  Königs 
Axajacatl,  in  welchem  Montezuma  den  Spaniern  bei  ihrer 
Ankunft  in  Tenochtitlan  Wohnung  anwiefs.  Der  Pallast 
von  Montezuma  selbst  befand  sich  auf  der  rechten  Seite  der 
Hauptkirche,  dem  gegenwärtigen  Pallaste  des  Vicekönigs 
gegenüber.  Ich  halte  für  dienlich,  diese  Lokalitäten  zu  be- 
merken,  weil  sie  für  diejenigen,   welche  sich  mit  der  Ge- 


II 


^schichte  der  Eroberung  von  Mexico  beschäftigen,  nicht  ohne 
Interesse  sind. 

Die  Plaza  mayor^  die  man  nicht  mit  dem  grofsen 
Marktplatze  von  Tlatelolco  verwechseln  darf,  den  Cor- 
tez  in  seinen  Briefen  an  Kaiser  Karin  V.  beschreibt,  ist  seit 
1803  auf  Kosten  des  Vicekönigs ,  Marquis  von  Branci- 
forte,  mit  dem  Bilde  Königs  Karls  IV.  zu  Pferde  geziert. 
Diese  bronzene  Statue  ist  in  einem  vorzüglich  reinen  Style, 
und  sehr  schön  ausgeführt.  Sie  wurde  durch  einen  und  eben- 
denselben Künstler,  Don  Manuel  Tolsa,  aus  Valencia  in 
Spanien  gebürtig,  und  Directoren  der  Classe  der  Bildhauerei 
bei  der  Academie  der  schönen  Künste  zu  Mexico,  gezeich- 
net, modcllirt,  gegossen  und  aufgestellt.  Man  weifs  nicht, 
ob  man  mehr  das  Talent,  oder  den  Muth  und  die  Beharr- 
lichkeit des  Künstlers  bewundern  soll,  die  er  in  einem  Lan- 
de, wo  er  alles  erst  erschaffen,  und  die  mannichfaltigsten 
Hindernisse  überwinden  mufste ,  an  den  Tag  gelegt  hat. 
Der  erste  Gufs  dieses  schönen  Werks  gelang  sogleich;  es  hat 
nahe  bei  23,000  Kilogrammen  Gewicht,  und  ist  um  zwei 
Decimeters  höher,  als  die  Statue  Ludwigs  XIV.  zu  Pferde, 
welche  ehmals  auf  dem  Platze  Vendome,  in  Paris,  gestan- 
den hat.  Man  besafs  Geschmack  genug,  das  Pferd  nicht  zu 
vergolden ,  und  begnügte  sich ,  es  mit  einem  o'ivenfarbigen, 
ins  Braune  stechenden  Firnis  zu  überziehen.  Da  die  Häuser 
um  den  Platz  her  im  Ganzen  niedrig  sind,  so  erscheint  die 
Statue  auf  dem  Luftgruiide ;  was  auf  dem  Rücken  der  Cor- 
dilleren,  wo  die  Atmosphäre  tief  blau  ist,  eine  sehr  mah- 
lerische  Wirkung  hervorbringt.  Ich  war  bei  dem  Transport 
dieser  ungeheuren  Masse,  von  dem  Ort  des  Gufses  an  bis 
auf  die  Plaza  mayor ,  gegenwärtig.  In  fünf  Tagen  legte  sie 
eine  Strecke  von  ungefähr  1600  Meter  zurück.  Die  mecha- 
nischen Mittel,  welche  Herr  Tolsa  anwandte,  um  sie  auf 
das  Gestell  von  schönem  mexicanischen  Marmor  zu  heben , 


—        12       — 

sind  sehr  sinnreich,  und  verdienten  eine  ausführliche  I3e- 
schreibung. 

Gegenwärtig  hat  der  grofse  Platz  von  Mexico  eine  unre- 
gelmäfsige  Form,  und  diefs,  seit  dem  man  auf  demselben, 
gegen  Cortez  Plan,  ein  Viereck,  das  die  Buden  des  Parlan 
enthält,  erbaut  hat.  Um  diese  Unregelmäfsigkeit  zu  ver- 
bergen, hat  man  für  zweckm'äfsig  erachtet ,  die  Statue,  wel- 
che die  Indianer  nur  unter  dem  Namen  des  grofseti  Pferds 
kennen,  in  einer  besondern  Einfassung;  aufzustellen.  Dieser 
Raum  ist  mit  grofsen  Porphyrplatten  belegt,  und  um  5  De- 
cimeters  über  die  nahgelegenen  Strafsen  erhaben.  Das  Oval, 
dessen  grofser  Durchmefser  hundert  Meters  halt,  ist  mit  vier 
Spring-Brunnen  umgeben,  und,  zu  grofsem  Mifsvergnügen 
der  Eingebohrnen,  durch  vier  Thüren,  deren  Gitterwerk 
man  mit  Bronze  verziert  hat,  verschlossen. 

Der  Stich,  welchen  ich  liefere,  ist  eine  getreue  Kop'e 
von  einer  gröfsern  Zeichnung  des  Herrn  Ximeno ,  eines 
Künstlers  von  ausgezeiqhnetem  Talent,  und  Directors  der 
Klasse  der  Mahlerei  bei  der  Academie  in  Mexico.  Aus- 
serhalb der  Einfassung  sieht  man  das  Kostüm  der  Guachi- 
nango's,  oder  des  niedrigen,  mexicanischen  Volkes.  (Siehe 
meinen  Versuch  über  das  Königreich  Neu-Spanieriy  ^n 
verschiedenen  Stellen,) 


Vierte  KupfertafeL 
Natürliche  Brücken  über  den  Icononzo, 

Unter  den  reichhaltigen  majejjt'ätischen  Scenen,  welchen 
man  in  den  Cordilleren  begegnet ,  ergreifen  die  Thaler  des 
europäischen  Reisenden  Einbildungskraft  am  meisten.  Nur 
aus  einer ,  sthr  ansehnlichen ,  Entfernung  und  von  den  Ebe- 
nen aus,  die  sich  von  den  Küsten  bis  zumFufs  der  Central- 
kette  erstrecken,  kann  das  Auge  die  ungeheure  Höhe  dieser 
Gebirge  ganz  ermessen.  Pie  Plateau's^ {welche  ihre,  mitewi^ 


—      13      — 

gern  Schnee  bedekten ,  Gipfel  einfassen  ,  liegen  grÖfsten- 
theilszweitausend  fünfhundert,  bis  drei  tausend Metres  über 
der  Meeresfläche.  Dieser  Umstand  schwächt  den  Eindruck 
vonGröfse,  welchen  die  Kolossalen-Massen  des  Chimborazo, 
des  Cotopaxi  und  Antisana,  von  den  Plateau*s  von  Riobamba 
und  Quito  aus  betrachtet,  machen,  bis  auf  einen  gewifsen 
Punkt.  Bei  den  Thälern  aber  verhält  es  sich  anders  als  bei 
den  Gebirgen.  Tiefer  und  enger,  als  die  Alpen- und  Pyre- 
näen-Thäler,  enthalten  die  Thäler  der  Cordilleren  Ansich- 
ten ,  die  den  wildesten  Karakter  tragen ,  und  die  Seele  mit 
Bewunderung  und  Schauder  erfüllen.  Sie  sind  Klüfte,  de- 
ren Grund  und  Rand  mit  einer  kraftvollen  Vegetazion  ge- 
schmükt,  und  deren  Tiefe  oft  so  ansehnlich  ist,  dafs  man 
den  Vesuv  und  den  Puy-de-Dome  hineinstellen  könnte,  ohne 
dafs  ihre  Gipfel  über  der  nächsten  Gebirge  Saum  wegragten. 
Durch  die  merkwürdigen  Reisen  des  Herrn  Ramond  ist  das 
Thal  von  Ordesa  bekannt  worden ,  das  sich  von  Mont-Perdu 
herabsenkt,  und  dessen  mittlere  Tiefe  ungefähr  neun  hundert 
Meters  (vierhundert  neun-und  fünfzig  Toisen)  hält  Auf 
unsrer  Reise  auf  dem  Rücken  der  Anden,  von  Pasto  nach  der 
Stadt  Iharra ,  und  beim  Heruntersteigen  von  Loxa  gegen 
die  Ufer  des  Amazonen-Strotrjs ,  haben  wir,  Herr  Bonpland 
und  ich  ,  die  berühmten  Klüfte  von  Chotha  und  Cutaco 
durchschnitten,  von  denen  die  eine  über  fünfzehnhundert, 
und  die  andre  über  dreizehnhundert  Fufs  perpendicularer 
Tiefe  hat.  Allein  um  eine  Vollständigere  Idee  von  der  Grcifse 
dieser  geologischen  Phänomene  zu  geben,  mufs  ich  bemer-* 
ken,  dafs  der  Grund  diefer  Klüfte  nur  um  ein  Viertheil  nie- 
driger über  dem  Meeresfpiegel  steht,  als  die  Strassen  über 
den  St.  Gotthard  und  den  Mont-Cenis. 

'>  Im  Thal  vor  Icononzo  ist  der  Sandstein  aus  z'^o  verschie- 
denen Fels- Arten  zusammengesezt.  Ein  sehr  kompakter  und 
quartziger  Sandstein,  mit  wenig  Cement ,  und  beinah  ganz 
ohne  Schichtenspaltungen  ,  ruht  auf  sehr   feinkörnigtem  ^ 


—       14      — 

und  in  unzählige,  äusserst  kleine  und  beinah  horizontale 
Lagen  getheiltem.  Sandsteinschiefer.  Man  darf  annehmen , 
dass  die  kompakte  und  quarzige  Lage  bei  der  Bildung  der 
Kluft  der  Gewalt,  welche  diese  Gebirge  zerrifs,  widerstan- 
den hat ,  und  dafs  nur  die  ununterbrochene  Fortfetzung  die- 
ser Lage  die  Brücke  ausmacht,  auf  welcher  man  von  einem 
Theil  des  Thals  nach  dem  andern  gelangt.  Dieser  natür- 
liche Bogen  hat  14  §  Meter  Länge,  ur  d  12  ™,  7  Breite.  Seine 
Dicke  ist  im  Mittelpunktes*",  4.  Durch  sehr  sorgfältige 
Versuche,  die  wir  mit  dem  Fall  von  Körpern  angestellt, 
und  vermittelst  eines  Chronometers  von  Berthoud,  haben 
wir  die  Höhe  der  obern  Brücke  über  die  Wasserfläche  deg 
Waldstroms  zu  97  ^",  7  herausgebracht.  Ein  sehr  aufge- 
klärter Mann,  Don  lorge  Lozano,  welcher  ein  angenehmes 
Landgut  in  dem  schönen  Thal  von  Fusagasuga  besitzt ,  hatte 
schon  vor  uns  diese  Hohe  mit  dem  Senkblei  gemessen,  und 
sie  von  hundert  und  zwölf  Varas  (93  '",  4.)  gefunden ;  sP 
dafs  die  Tiefe  des  Stroms ,  bei  mittlerem  Wasserstand ,  sechs 
Meters  zu  seyn  scheint.  Die  Indianer  von  Pandi  haben  zur 
Sicherheit  der  Reisenden,  welche  in  diesem  öden  Lar,de  in- 
defs  sehr  selten  sind,  eine  kleine  Balustrade  von  Rohren 
angelegt,  die  sich  gegen  den  Weg,  der  nach  der  obern 
Brücke  führt ,  verlängert. 

Zehn  Toisen  unter  dieser  ersten  natürlichen  Brücke 
befindet  sich  eine  andere,  zu  der  wir  auf  einem  engen  Pfad, 
welcher  an  dem  Rand  der  Kluft  hinabsteigt,  geführt  wur- 
den. Drei  ungeheure  Felsenmassen  fielen  nemlich  gerade 
so  ,  dafs  eine  die  andere  stüzt.  Die  in  der  Mitte  bildet 
den  Schlufsstein  des  Gewölbs  ,  und  dieser  Zufall  hätte 
bei  den  Eingebohrnen  leicht  die  Idee  von  Bogen mauerwerk 
erwecken  können,  das  den  Völkern  der  neuen  Welt  eben 
so  unbekannt  war ,  als  den  alten  Bewohnern  von  Egy pten* 
(jLoega  ,  de  Oheliscis  ,  S.  407).  Indefs  will  ich  nicht  ent- 
scheiden, ob  diese  Bruchsteine  von  fern  her  geschleudert 


-      15     - 

worden  ,  oder  ob  sie  blos  Fragmente  eines  ,  zum  Theil 
zerstörten ,  Bogens  sind ,  welcher  ursprünglich  der  obern  , 
natürlichen  Brücke  ahnlich  war.  Leztere  Vermuthung  wird 
dorch  einen  analogen  Zufall  in  dem  Colosseum  zu  Rom 
wahrscheinlich,  wo  man  an  einer  halbzusammengestürzten 
Mauer  mehrere  Steine  bemÄkt,  die  in  ihrem  Falle  dadurch 
aufgehalten  wurden,  dafs  sie  im  Sturze  zufälligerweise  ein 
Gewölbe  bildeten. 

Mitten  in  der  zwoten  Brücke  von  Icononzo  befiodee 
sich  ein  Loch  von  mehr  als  acht  Quadratmetern  Umfang, 
durch  welches  man  in  den  Abgrund  hinabsehen  kann ,  und 
wo  wir  auch  unsre  Versuche  über  den  Fall  der  Körper  ange- 
stellt haben.  Der  Strom  fcheint  in  einer  finstern  Höhle  «u 
fliessen;  und  das  klägliche  Geräusch,  das  man  hört,  rührj. 
von  einer  Menge  Nachtvögel  her,  welche  die  Kluft  bewoh- 
nen ,  und  die  man  im  Anfang  gern  für  die  gigantischen  Fle- 
dermäuse halten  möchte,  welche  in  den  Aequinoktial -  Ge- 
genden so  bekannt  sind.  Man  sieht  sie  zu  Tausenden  über 
dem  Wasser  flattern. 

Indefs  haben  uns  die  Indianer  versichert ,  dafs  diese  Vö- 
gel von  der  GrÖfse  eines  Huhns  sind,  Eulen- Augen  und 
einen  gekrümmten  Schnabel  haben.  Man  nennt  sie  Cacas , 
und  die  Einförmigkeit  der  Färbung  ihres  Gefieders ,  das  ein 
bräunliches  Grau  ist,  macht  mich  glauben ,  dafs  sie  nicht  zu 
dem  Geschlecht  des  Caprimulgus  gehören ,  dessen  Gattun- 
gen auf  den  Cordilleren  in  so  vieler  Mannichfaltigkeit  vor- 
handen sind.  Wegen  der  Tiefe  des  Thals  ist  es  unmöglich, 
hrer  habhaft  zu  werden  ,  und  wir  konnten  sie  nicht  anders 
untersuchen ,  als  dafs  wir  Feuerbrände  in  die  Klüfte  war- 
fen ,  um  ihre  Wände  zu  erhellen. 

Die  Höhe  der  natürlichen  Brücke  von  Icononzo  über  dem 
Meeres-Spiegel  ist  achthundert  drei  und  neunzig  Meters^ 
(458  Toisen).  In  den  Gebirgen  von  Virginien,  und  zwar 
in  der  Grafschaft  üoc^-i^ri^^e  ist  ein  ähnliches  Phänomen, 


.1 


wie  die  obere  Brücke,  die  wir  eben  beschrieben  haben. 
Es  wurde  von  Herrr;  JefTerson  mit  der  Sorgfalt  untersucht 
welche  alle  Beobachtungen  dieses  vortreflichen  Naturkundi- 
gen karakterisirt.  (^Bemerkungen  über  Virgifiieti  ^  8.56)* 
Die  natürliche  Brücke  von  Cedar-Kreck  ^  in  Virginien,  ist 
ein  Bogen  von  Kalkstein  ,  wflcher  sieben  und  zwanzig 
Meters  üefnung  hat,  und  seine  Höhe  über  der  Wasserfläche 
des  Stroms  beträgt  siebenzig  Meters.  Die  Erdbrücke,  (/iz^-> 
michacd)  die  wir  auf  der  Senkung  der  Porphyr- Gebirge 
von  Chumhan,  in  der  Provinz  de  los  Paslos,  gefunden 
haben;  die  Brücke  der  Mutter  Gottes,  Dantcu  genannt,^ 
bei  Totoniico  in  Mexico ,  und  der  durchbrochene  f  eisen  bei 
Gyandola,  in  der  Portugiesischen  Provinz  Alentejo ,  sind 
geologische  Phänomene,  welche  sämtlich  mit  der  Brücke  von 
Icononzo  einige  Aehnlichkeit  haben.  Indefs  zweifle  ich,  ob 
man  bis  jezt  irgendwo  auf  dem  Globus  einem  so  ausseror- 
dentlichen Zufäll  begegnet  ist,  wie  der,  welehcfr  durch  drei 
Felsmassen ,  die  sich  gegenseitig  stützen  ,  ein  [natürliche« 
Gewölbe  gebildet  hat. 


Fünfte     K  u  p  f  e  r  t  a  f  e  L 

Strasse    über    den    Guindiu,   in   der    Cordil- 
lera    der    Anden. 

in  dem  Königreich  Neu-Granada  ,  vom  2^30'  bis  zum 
5O15'  der  N,  Br.  theilt  sich  die  Anden-Cordillera  in  drei  Pa* 
rallei-Ketten ,  von  denen  blos  die,  auf  beiden  Seiten  liegen» 
den  ,  in  sehr  beträchtlichen  Höhen  mit  Sandstein  und  andern 
secondaren  Bildungen  bedekt  sind. 

Die  östliche  Kette  scheidet  das  Thal  von  dem  Magda- 
ienen-Flufs  von  den  Ebenen  des  Rio  Meta.  Auf  ihrem  west- 
lichen Abhang  befinden  sich  die  fiatürlichen  Brücken  von 
icononzo,  welche  wir  so  eben  beschrieben  haben.  Ihre 
höchsten  Gipfel  sind  der  Pazam^i  de  la  summa  Paz,  der 


von 


-      17     - 

von  C hingas a ,  und  die  Cerros  de  San  -  Fernando  und 
von  Tuquillo*  Indefs  erhebt  sich  keiner  bis  zur  Region  des 
ewigen  Schnees,  und  ihre  mittlere  Höhe  betr'ägtvier  tausend 
Meters,  also  fünfhundert  und  vier  und  sechzig  Meters  mehr, 
als  das  höchste  Gebirg  in  den  Pyrenäen. 

Die  Central-Kette  theilt  ihre  Wasser  Zwischen  dem 
Bassin  des  Magdalenen-Flufses  und  dem  des  Rio  Cauca.  Oft 
erreicht  sie  die  Region  des  ewigen  Schnees,  Und  über- 
schreitet sie  sehr  ansehnlich  in  den  colossälen  Gipfeln  des 
Guanacas,  des  Baragan,  und  des  Quindiu,  welche  sich  fünf 
bis  sechsthalbtausend  Meters  über  den  Meeresspiegel  erheben 
Beim  Aufgang  und  Untergang  der  Sonne  gewährt  diese  Cen- 
tral-Kette den  Bewohnern  von  Santa -Fe  ein  prächtiges 
Schauspiel ,  und  erinnert  ,  nur  mit  weit  Imposanteren 
Dimensionen,  an  die  Alpenansichten  in  der  Schweiz. 

Die  westliche  Kette  der  Anden  trennt  das  Thal  des 
Cauca  von  der  Provinz  Choco  und  den  Küsten  des  Süd- 
Meers*  Ihre  Hohe  beträgt  kaum  fünfzehnhundert  Meters, 
und  sie  senkt  sich  ^  zwischen  den  Quellen  des  Rio  Atracto' 
und  denen  des  Rio  San^Juan  ,  so  stark,  dafs  man  ihre  Ver- 
längerung  gegen  den  Isthmus  von  Panama  nur  mit  Mühe 
verfolgen  kann. 

Diese  drei  Gebirgketten  treff'en  nordwärts  ^  unter  dem 
ParatJelkreis  von  Muzo  und  Antioquia,  dem  6^  u.  7^  der 
N.  Br.  zusammetii  Auch  bilden  sie  im  Süden  von  Pöpayan^ 
in  der  Provinz  Pasto  >  eine  einzige  Gruppe,  Eine  Masse* 
Uebrigens  mufs  man  sie  ja  mit  der  Eintheilung  der  Cordil- 
leren  nicht  Verwechseln,  wie  sieBoUgueründ  la  Condamine^ 
im  Königreich  Quito ^  vom  Aequator  bis  zum  a<*  der  S» 
Er*  beobachtet  haben* 

Die  Stadt  Santa  Fe  de  Öogöta ,  die  Hauptstadt  Von  Neu^ 

Granada  liegt  westlich  Voil  dem  Paramo  von  Chihgasa  ^  auf 

einem  Plateau,  das  sich  in  einer  absoluten  Höhe  vOn  zwei* 

tausend  sechshundert  und  fünfzig  Meters  auf  dem  Rückert 

Humholdfs pitt.  Ans.d.  CordilU  % 


—      i8      — 

der  östlichen  Cordillera  hinzieht  Diese  besondere  Ge- 
staltung der  Anden  macht ,  dafs  man  um  von  Santa  Fe  nach 
Popayan  und  an  die  Ufer  des  Cauca  zu  kommen,  entweder 
über  Mesa  oder  über  Tocayma,  oder  über  die  natürlichen 
Brücken  von  Icononzo  von  der  östlichen  Kette  herabstei- 
gen,  das  Thal  von  dem  Magdalenenflufs  durchschneiden, 
und  die  Central  -  Kette  passiren  mufs.  Die  besuchteste 
Strafse  ist  indefs  die  vom  Paramo  de  Guanacas ,  welchen 
Bouguer,  auf  seiner  Rückkehr  von  Quito  nach  dem  america- 
nischen  Carthagena,  beschrieben  hat.  Auf  diesem  Weg  legt 
der  Reisende  den  Kamm  der  Central-Cordillera,  mitten  in  ei- 
nem bewohnten  Lande,  in  Einem  Tag  zurück»  Indefs  habe 
ich  dieser  Strafse  die  über  das  Quindiu- oder  Quindio-Gebirg, 
zwischen  den  Städten  Ibague  und  Carthago,  vorgezogen, 
(Der  Eingang  in  diese  Strafse  ist  auf  der  fünften  Kupfertafel 
vorgestellt).  Ich  habe  diese  geographischen  Bestimmungen 
für  uneriUfslich  gehalten,  um  die  Lage  eines  Orts  kennbar 
zu  machen,  den  man  auf  den  besten  Karten  vom  mittägli- 
chen America,  wie  z.  B.  auf  der  von  La  Cruz,  vergeblich 
suchen  Würde. 

Das  Quindiu-Gebirg  (Er.  4^36',  L'ang.  5O12')  wird  alä 
die  beschwerlichste  Strafse  in  der  Cordillera  der  Anden  ange- 
sehn.  Es  ist  ein  dichter,  völlig  unbewohnter  Wald,  den 
man  auch  in  der  besten  Jahrszeit  nicht  schneller,  als  in  zehn 
oder  zwölf  Tagen  zurücklegt.  Hier  findet  man  keine  Hütte , 
keine  Lebensmittel,  und  die  Reisenden  versehen  sich  in  jeder 
Jahrszeit  auf  einen  ganzen  Monat  mit  Vorräthen ,  weil  es 
nur  zu  oft  geschieht,  dafs  sie  durch  das  Schmelzen  des 
Schnees  und  das  plötzliche  Anschwellen  derGiesbäche  so  sehr 
abgeschnitten  werden,  dafs  sie  weder  auf  der  Seite  von  Car- 
thago noch  auf  der  von  Ibague  herabkommen  können.  Der 
höchste  Punkt  des  Wegs,  die  Garita  del  Paramo,  liegt  drei 
tausend  fünfhundert  und  fünf  Meters  über  der  FJäciie  des 
Oceans.    Da  der  Fufs  des  Gebirgs,  gegen  die  Ufer  des  Cauca 


-      19      — 

hin ,  nicht  über  neun  hundert  drei  und  sechszig  Meters  er- 
haben ist,  so  geniefst  man  daselbst  im  Durchschnitt  ein  sehr 
mildes  und  gemlifs'gtes  Cllma.  Der  Pfad  über  die  Cordillera  ist 
so  eng ,  dafs  seine  gewöhnliche  Breite  nicht  über  3  bis  4  Deci- 
meters  beträgt,  und  er  gröstentheils  einer  offenen,  durch  den 
Felsen  gehaueren  ,  Gallerle  iihnlich  ist.  In  diesem  Theil 
der  Anden  ist  der  Fels,  wie  beinah  sonst  überall,  mit  einer 
dicken  Thonlage  bedeckt.  Die  Wasserbäche,  welche  von  dem 
Gebirg  herabfliessen,  haben  Schluchten  von  sechs  bis  sieben 
Meters  Tiefe  ausgespült.  Diese  Schluchten,  in  denen  sich 
der  Weg  fortzieht,  sind  mit  Morast  angefüllt,  und  ihre  Dun- 
kelheit wird  noch  durch  die  dichte  Vegetation,  welche  ih- 
ren Rand  einfafst,  Vermehrt.  Die  Ochsen  ,  deren  man  sich 
in  diesen  Gegenden  gemeiniglich  als  Saumthiere  bedient^ 
kommen  nur  mit  gröfster  Mühe  in  diesen  Gallerlen  fort, 
welche  bis  auf  zwei  tausend  Meters  Lange  haben.  Hat  man 
das  Unglück,  solchen  Saumthieren  zu  begegnen,  so  ist  kein 
anderes  Mittel,  ihnen  aus  dem  Wege  zu  gehn,  als  den  Pfad 
wieder  zurück  zu  wandeln,  oder  auf  die  Erdmauer  zu  stei- 
gen, welche  die  Schlucht  einfafst  j  und  sich  da  an  den  Wur* 
zeln  fej%^?uhalten ,  die  von  dem  Baumwerk  der  Hohen  her- 
vorragen. 

Als  wir  im  Monat  October  I§ot>  zu  Fufs  ündmit^wÖlf 
Ochsen ,  welche  unsre  Instrumente  und  Sammlungen  trugen, 
das  Quindiu-Gebirg  bereifk^en,  litten  wir  sehr  viel  durch  die 
beständigen  Plazregen,  denen  wir  die  drei  oder  vier  letzten 
Tage ,  bei  unsrem  Herabsteigen  von  dem  westlichen  Abhang 
der  Cordillera,  ausgesetzt  waren.  Der  Weg  führte  durch  ein 
sumpfiges,  mit  Bambusschilf  bedecktes  Land.  Die  Stacheln^ 
womit  die  Wurzeln  dieser  gigantesken  Grasart  bewafnet 
sind ,  hatten  unsre  Fufsbekleidung  so  sehr  zerrissen ,  dafs  wir 
genöthlgt  waren  ,  wie  alle  Reisenden,  die  sich  nicht  von 
Menschen  auf  dem  Rüchen  tragen  lassen  wollen,  baarfufs 
zu  gehen.    Dieser  Umstand,  die  bestandige  Feuchtigkeit^ 


20         — 


die  Länge  des  Wegs,  die  Muskelkraft,  welche  man,  um  auf 
dichtem  und  schlammigem  Thon  zu  gehn,  anwenden  mufs, 
und  die  Nothwendigkeit,  durch  sehr  tiefe  GiefsbUche  von 
äufterst  kaltem  Wasser  zu  waten,  machen  diese  Reise  ge- 
wifs  äufserst  beschwerlich ;  aber  in  so  hohem  Grade  sie  das 
auch  ist,  so  hat  sie  doch  keine  der  Gefahren,  womit  die 
Leichtgläubigkeit  des  Volks  die  Reisenden  schreckt.  Der 
Pfad  ist  freilich  schmal,  aber  die  Stellen  sind  sehr  selten^ 
da  er  an  Abgründen  wegführt.  Da  die  Ochsen  immer  ihre 
Beine  in  dieselben Fufsstapfen  stellen,  so  bildet  sich  dadurch 
eine  Reihe  von  kleinen  Gräben,  die  den  Weg  durchschnei- 
den, und  zwischen  denen  eine  sehr  enge  Erderhöhung  sich 
ansetzt.  Bei  starkem  Regen  stehen  diese  Dämme  unter  dem 
Wasser,  und  der  Gang  des  Reisenden  wird  nun  doppelt  un- 
sicher, da  er  nicht  weifs,  ob  er  auf  den  Damm  oder  in  den 
Graben  seinen  Fufs  setzt. 

Da  nur  wenige  wohlhabende  Personen  in  diesen  Klima- 
ten  geübt  sind ,  fünfzehn ,  bis  zwanzig  Tage  hinter  einan- 
der, und  auf  so  beschwerlichen  Wegen,  zu  Fufs  zu  gehen, 
so  ^äfst  man  sich  von  Menschen  tragen ,  welche  sich  einen 
Sessel  auf  den  Rücken  gebunden  haben ;  indem  es  beim  ge- 
genwärtigen Zustand  der  Strafse  über  den  Quindiu  unmög- 
lich wäre,  sie  auf  Mauleseln  zurückzulegen.  Man  spricht 
daher  in  diesem  Lande  vom  Reisen  ,  auf  dem  Hucken  ei- 
nes Menschen  y  (^andar  en  cargucrai),  wie  man  anderwärts 
von  einer  Reise  zu  Pferd  redet.  Auch  verbindet  man  gar 
keine  erniedrigende  Vorstellung  mit  dem  Gewerbe  der  Car- 
gueros,  und  die,  welche  es  treiben,  sind  keine  Indianer^ 
sondern  Metis,  und  manchmal  sogar  Weifse.  Oft  hört  man 
mit  Erstaunen  nackte  Menschen,  welche  dieses,  in  unsern 
Augen  so  entehrende ,  Handwerk  treiben ,  mitten  im  Walde 
sielt  herumscreiten  ,  weil  der  eine  dem  andern,  welcher  eine 
weifsere  Haut  zu  haben  behauptet,  die  hochtönenden  Titel, 
Don  und  Sa  Merced ,  verweii^ert.    Die  Cargueros  tragen 


-05-      ai      — 

gewohnlich  sechs  bis  stehen  Arrohas  (fünf  und  sichenzig 
bis  acht  und  achtzig  Kiio}.>Tatnnie) ,  und  manche  sind  so  stark, 
dafs  sie  sogar  neun  Arrohas  aufladen.  Bedenkt  man  die 
ungeheure  Anstrengung ,  welche  diese  Unglücklichen  die 
acht  bis  neun  Stunden  ?nachen  müssen ,  so  sie  täglich  in  die- 
sem Gebirgsland  zurücklegen  ;  weifs  man  ,  dafs  ihr  Rücken 
manchmal  wund  gedrückt  wird ,  wie  der  der  Saumthiere , 
und  dafs  die  Reisenden  oft  grausam  genug  sind,  sici  wenn 
sie  krank  werden,  mitten  im  WaMe  liegen  zu  lassen  ;  weif« 
man  überdiefs,  dafs  sie  auf  einer  Reise  von  Ibague  nach  Car- 
thago,  in  einer  Zeit  von  fünfzehn  und  selbst  von  fünf  und 
zwanzig  bis  dreifsig  Tage,  nicht  mehr,  als  12  bis  14  Piaster 
(60  bis  70  fr.)  gewinnen ,  so  begreift  man  kaum ,  wie  alle 
starke,  junge  Leute,  dte  am  Fufs  dieser  Gebirge  wohnen  , 
das  Gewerbe  der  Cargueros ,  eines  der  mühseligsten  von  al- 
len ,  denen  sich  die  Menschen  ergeben ,  freiwillig  wählen 
können.  Alleinder  Haug  zu  einem  freien,  herumstreifen- 
den Leben,  und  die  Idee  einer  gewifsen  Unabhängigkeit  in 
den  Wälderi^  Hlfst  sie  diese  beschwerliche  Beschäftigung  den 
monotonen  und  sitzenden  Arbeiten  der  Städte  vorzieh n. 

Indefs  ist  der  Weg  über  das  Quindiu-Gebirge  nicht  die 
einzige  Gegend  im  südlichsn  America,  wo  man  auf  dem 
Rüchen  von  Menschen  reifst.  Dxq  ganze  Provinz  von  An- 
tioquia  z.  ß.  ist  mit  Gebirgen  umgeben,  über  welche  so 
schwer  zu  kommen  ist,  dafs  diejenigen  ,  die  sich  der  Ge- 
schicklichkeit eines  Carguero  nicht  anvertrauen  wollen, 
ur.d  nicht  stark  genug  sind,  um  den  Weg  von  Santa« Fe  de 
Antioquia  nach  der  ßoca  de  Nares,  oder  nach  dem  Rio  Sa- 
mana  zu  Y\xU  zu  machen,  dieses  Land  gar  nicht  verlassen 
können.  Ich  habe  einen  Bewohner  dieser  Provinz  gekannt , 
dessen  Körperumfang  ungewöhnlich  grofs  war.  Er  hatte 
nur  zween  Metis  gefunden,  welche  im  Stande  waren,  ihn 
zu  tragen,  und  er  hätte  unmöglich  wieder  nach,  Hause  zu- 
rückkehren können,   wenn  diese  beiden    Cargueros   wah- 


-—        22        — 

rend  seines  Aufenthalts  an  den  Ufern  des  IVTagdalenenflufses, 
in  Mompox  oder  in  Honda,  gestorben  wären.  Der  Jürgen 
Leute,  die  sich  imCoeho,  in  Ibagueund  in  Medellin  als  Last- 
thiere  gebrauchen  lassen,  sind  so  viele,  dafs  man  manchmal 
ganzen  Reihen  von  fünfzig  bis  sechzig  begegnet.  A's  man 
vor  einigen  Jahren  den  Plan  hatte  ,  den  Gebirgsweg  von 
dem  Dorfe  Nares  nach  Antioquia  für  die  Maulthierezu  bah- 
nen ,  so  machten  die  Cargueros  in  aihr  Form  Vorstellungen 
gegen  die  Verbesserung  der  Strafte,  und  die  Regierung  war 
schwach  genug,  ihren  Einwendungen  zu  willfahren.  Indefs 
mufs  hier  auch  bemerckt  werden  >  dafs  die  mexicanischen 
Bergwerke  eine  Menschen^CJafse  enthalten,  die  keine  Be- 
schäftigung hat,  als  Andere  auf  ihrem  Rücken  zutragen.  In 
diesen  Klimaten  sind  die  Weissen  so  träge,  dafs  jeder  Berg- 
werksdirektor einen  oder  zween  Indianer  in  seinem  Sold 
hat,  welche  seine  Pferde  iCavaUitos)  heifsen,  weil  sie 
sich  alle  Morgen  satteln  lassen,  und,  auf  einen  kleinen  Stock 
gestützt,  und  mit  vorgeworfenem  Körper,  ihren  Herrn  von 
einem  Theil  des  Bergwerks  nach  dem  andern  tragen.  Unter 
den  Cavallitos  und  Cargueros  unterscheidet  und  empfiehlt 
man  den  Reisenden  diejenigen,  die  sichere  Füfse,  und  einen 
sanften  gleichen  Schritt  haben,  und  es  thut  einem  recht 
wehe,  von  den  Eigenschaften  eiiies  Menschen  in  Ausdrücken 
reden  zu  hören,  womit  man  den  Gang  der  Pferde  und  Maul- 
thiere  bezeichnet. 

Diejenigen,  welche  sich  auf  dem  Sessel  eines  Carguero 
tragen  lassen ,  müfsen  mehrere  Stunden  hinter  einander  un- 
beweglich und  rückwärts  den  Körper  gesenkt  dasitzen.  Die 
geringste  Bewegung  würde  den,  der  sie  trägt,  stürzen  ma- 
chen, und  ein  Sturz  ist  hier  um  so  gefährlicher,  da  der 
Carguero ,  in  zu  grofsem  Vertrauen  auf  seine  Geschicklich- 
keit, oft  die  steilsten  Abhänge  wählt,  oder  auf  einem  schma- 
len und  glitschigen  Baumast  über  einen  Waldstrom  setzt* 
Indefs  sind  Unglücksfälle  sehr  selten,  und  müfsen,  wo  sie 


-      23     — 

auch  geschehen  sind,  der  Unklugheit  der  Reisenden  beige- 
messen werden,  welche  durch  einen  IVlifstritt  ihres  Car- 
guero  erschreckt,  von  ihrem  Sessel  herabgesprungen  sind. 

Die  fünfte  Kupfertafel  stellt  eine  sehr  pittoreske  Gegend 
vor;  welche  man  beim  Eingang  in  das  Quindiu-Gebirge, 
beilbague,  auf  einem  Punkte  sieht,  der  der  Fufs  von  la 
Cuesta  heifst.  Der  abgestumpfte  Kegel  des  Tolima,  der  mit 
ewigem  Schnee  bedeckt  ist,  und  durch  seine  Form  an  den 
Cotopaxi  und  Cayambe  erinnert,  wird  über  einer  Masse  von 
Granitfelsen  sichtbar.  Der  kleine  Flufs  Combeima,  der  seine 
Wasser  mit  denen  des  Rio  Cuello  vermischt,  schlängelt  sich 
durch  ein  enges  Thal,  und  bahnt  sich  seinen  Weg  durch  ein 
Gebüsch  von  Palmbäumen.  Im  Hintergrund  sieht  man  einen 
Theil  der  Stadt  Ibague,  das  grofse  Thal  vom  Magdalenen» 
flufs  und  die  östliche  Kette  der  Anden.  Von  vorne  erblickt 
man  einen  Trupp  Cargueros ,  welche  den  Weg  in  das  Ge- 
birge nehmen.  Man  bemerkt  die  sonderbare  Art,  womit 
der  Sessel,  der  von  Bambusholz  gemacht  ist,  auf  den  Schul- 
tern fest  gebunden,  und  durch  ein  Stirnband ,  wie  bei  Pfer- 
den und  Ochsen,  im  Gleichgewicht  gehalten  wird.  Die  Rolle, 
welche  der  dritte  Carguero  in  der  Hand  trägt ,  ist  das 
Dach,  oder  vielmehr  das  tragbare Kaus,  defsen  sich  der  Rei- 
sende auf  seinem  Weg  durch  die  Wälder  des  Quindiu  be- 
dient, Ist  man  in  Ibague  angekommen ,  und  rüstet  sich  zu 
dieser  Reise ,  so  läfst  man  in  den  benachbarten  Gebirgen  ei- 
nige hundert  Fz/ao-Blätter  schneiden ,  einer  Pflanze  aus  der 
Familie  der  Pisangs,  welche  ein  neues,  an  das  des  Thalia 
gränzendes,  Geschlecht  bildet,  und  die  man  ja  nicht  mit 
der  Heliconia  Bihai  verwechseln  darf.  Diese  Blätter ,  wel- 
che häutig  und  glänzend  sind,  wie  die  des  Musa,  haben  eine 
ovale  Form ,  54  Centimeters  (20  Zoll)  Länge ,  und  37  Cen- 
timeters  ([4  Zoll)  Breite.  Ihre  untere  Fläche  ist  silber- 
weifs  und  mit  einer  mehlichten  Materie  bedeckt,  die  sich 
schuppenweisc    ablöfst.      Dieser    eigenthUmliche     Firnift 


--        24         --^ 

macht,  dafs  sie  dem  Regen  lange  widerstehen  können. 
Sammelt  man  sie,  so  n^acht  man  einen  Einschnitt  in  die 
Hauptrippe,  welcher  die  Stelle  des  Hakens  vertritt,  an  dem 
man  sie  aufhängt,  wenn  man  das  tragbare  Dach  aufrichtet; 
dann  dehnt  man  sie  aus,  und  rollt  sie  sorgfältig  zu  einem 
cylinderförmigen  Pack  zusammen.  Cm  eine  Hütte,  in  wel- 
cher sechs  bis  acht  Personen  schlafen  können,  zu  bedecken, 
braucht  man  fünfzig  bis  serhszig  Kilogramme  Blätter. 
KomYnt  man  mitten  in  den  Wäldern  auf  eine  Stelle,  wo 
der  Boden  trocken  ist,  und  man  die  Nacht  zubringen  will, 
so  hauen  die  Cargueros  einige  Baumäste,  die  s  e  in  Form  ei- 
nes Zelts  zusamfuenstellen.  In  einigen  Minuten  ist  dieses 
leichte  Gebälke  mit  Lianen •  und  Agaven-Fasern,  die  drei 
sbts  vier  Declmeters  von  einander  parallel  laufen,  in  Qua- 
drate getheilt.  Während  dieser  Zeit  hat  man  den  Pack  von 
Vijao-BH^ttern  auseinander  gerollt,  und  mehrere  Personen 
sind  beschäftigt,  sie  an  dem  Gegitter  zu  befestigen,  das  sie 
am  Ende,  wie  mit  Dachziegeln,  bedecken.  Dergleichen  Hüt- 
ten sind  sehr  frisch  und  bequem,  ob  man  sie  gleich  in  grö- 
ßter Eile  auffiihrt.  Bemerkt  der  Reisende  bei  Nacht,  dafs 
der  Regen  eindringt,  so  zeigt  er  nur  die  Stelle,  welche 
tropft,  und  ein  einziges  Blatt  hilft  dem  Uebelstand  ab.  Wir 
brachten  im  Thal  von  Hoquia  mehrere  Tage  unter  einem  sol- 
chen Blätterzelt,  ohne  nafs  zu  werden,  zu,  obgleich  der 
Regen  sehr  stark  und  beinah  unaufhörlich  war. 

Das  Quindiu-Gebirg  ist  eine  der  reichsten  Gegenden  an 
nützlichen  und  merkwürdigen  Pflanzen,  Hier  fanden  wir 
den  Palmbaum  {Cerascylon  andicolci) ,  dessen  Stamm  mit 
vegetabilischem  Wachs  bedeckt  ist;  Passionsblumen  in  Bäu- 
men, und  den  prächtigen  Mutisia  grandiflora,  dessen  schar« 
lachrothe  Blumen  sechszehn  Centimeters  (sechs  Zoll)  lang 
sind.  Die  Wachs-Palme  erreicht  die  ungeheure  Höhe  von 
acht  und  fünfzig  Meters,  oder  hundert  und  achtzig  Fufs, 
und  d^r  Reisende  erstaunt,   eine  Pflanze,  aus  diesem  Ge- 


-     25     - 

schlecht  unter  einer  beinah  kalten  Zone,  und  über  zwei- 
tausend achthundert  Meters  über  der  MeeresflUche  zu  finden, 
(Siehe  meine  Ide^nzu  einer  Geographie  der  Vflanzen^ 
6".  59.  und  mein  Recueil  d'observations  astronomiqjtes , 
ß,  11.  S.  21.  Die  Plantes  eqitinoxiales  decrites  et  puh- 
liees  par  M,  Bonpland,  B.  I.  S.  3.  76  und  I77,  PI.  I, 
XXII.  und  L, 


Sechste    Kupfertafel. 

JD er  Fall  des  Tequendama* 

Das  Plateau,  auf  welchem  die  Stadt  Santa- Fe  de  Bogo- 
ta liegt,  hat  in  mehreren  Zügen  Aehnlichkeit  mit  demjeni- 
gen ,  auf  welchem  sich  die  mexicanischen  Seen  beiladen. 
Beide  sind  hüher  als  das. Kloster  auf  dem  Sanct  Bernhard, 
und  zwar  das  erste  zweitausend  sechshundert  und  sechszig 
Meters  (1,365  Toisen);  und  das  zweite  zweitausend  zwei- 
hundert sieben  und  siabenzlg  Meters  (l,i68  Toisen)  Über 
dem  Meeresspiegel  erhaben.  Das  Thal  von  Mexico  ist  mit 
einer  Zirkelniauer  von  Porphyr- Gebirgen  umgeben,  und  in 
seiner  Mitte  mit  Wasser  bedeckt;  indem  keiner  der  vielen 
Giefsbäche,  die  sich  in  dieses  Thal  herabstürzen,  ehe  die 
Europäer  den  Kanal  von  Huehuetoca  gegraben  hatten,  in 
demselb**n  einen  A'isflufä  fand.  Das  Plateau  von  Bogota  ist 
gleichermafsen  mit  hohen  Gebirgen  eir-gefafst,  und  der  wag- 
rechte Zustand  seines  Bodens,  s«?ine  geolocjische  Beschaf- 
fenheit, die  Form  der  Felsen  "von  Suba  und  Facatativa,  die 
sich  wie  Eilande  in  der  Mitte  der  Steppen  erheben,  alles 
scheint  hier  das  ehemalige^Daseyn  eines  Sees  zu  verrathen. 
Ter  Fiufs  Funzha,  welcher  gewöhnlich  Rio  de  Bogota  heifst, 
hat  '•ich,  nachdem  er  alle  Wasser  des  Thals  aufgenommen, 
durch  die  Gebirge,  die  südwestlich  von  der  Stadt  Santa-Fe 
lieg'Mi,  ein  Berte  gebrochen.  Bei  der  Pächterei  Tequendama 
verläfst  er  das  Thal,  und  stürzt  sich  durch  eine  enge  Oeff- 


—        26        — 

nung  in  eine  Kluft,  die  sich  gegen  das  Bassin  des  Magdale- 
nen-FIufses  herabzieht.  Versuchte  man  es,  diese  Oeffnung, 
die  einzige  indem  Thai  von  Bogota,  zu  verschliefsen ,  so 
würden  diese  fruchtbaren  Ebenen  sehr  bald  in  einen  See, 
der  den  mexicanischen  Seen  ähnlich  wäre,  verwand  5t  seyn. 

Es  ist  gar  nicht  schwer,  den  E^influfs  zu  entdecken, 
den  diese  geologischen  Thatsacheri  auf  die  Traditionen  der 
alten  Bewohner  der  Gegenden  gehabt  haben.  Indefs  wollen 
wir  nicht  entscheiden;  ob  der  Anblick  dieser  Orte  selbst  bei 
Völkern,  welche  von  der  Civilisation  nicht  mehr  sehr  ferne 
waren,  auf  Hypothesen  über  die  ersten  Revolutionen  des 
Globus  geleitet  hat,  oder  ob  die  grofseu  Ueberschwemmun- 
gen  im  Thale  von  Bogota  neu  genug  gewesen  sind,  um  sich 
im  Andenken  der  Menschen  zu  erhalten.  Ueberall  vermi- 
schen sich  historische  Ueberlieferungen  mit  religiü.cen  Mei- 
nungen, und  es  ist  merkwürdig,  hier  an  diejenigen  zu  er- 
innern, welche  der  Eroberer  dieses  Landes,  Gonzalo  Xi- 
menez  de  Quesada,  als  er  zuerst  in  die  Gebirge  von  Cun- 
dinamarca  eindrang,  unter  den  Muyscas-  Panchas-  und 
Natagaymas-Indianern  verbreitet  gefunden  hat.  (Siehe  Lu* 
cas  Fernandez  Piedrahita^  Obispo  de  Panama,  Hi' 
storia  gener al  del  nuevo  Reyno  de  Grenada,  S.  17.  ein 
Werk,  das  nach  Quesada's  Handschriften  ausgearbeitet  ist.) 

In  den  ältesten  Zeiten,  ehe  noch  der  Mond  die  Erde  be- 
gleitete, erzählt  die  Mythologie  der  Muyscas^  oder  Mozcas- 
Indianer,  lebten  die  Bewohner  des  Plateau  von  Bogota  als 
Barbaren,  nakt,  ohne  Ackerbau,  ohne  Gesetze  und  ohne 
Religion.  Plötzlich  erschien  aber  ein  Greis  unter  ihnen , 
weicher  aus  den  Ebenen  östlich  ^n  der  Cordillera  von  Chin- 
gasa  kam,  und  von  einer  andern  Ra^e  zu  seyn  schien,  als 
der  der  Eingebornen ;  indem  er  einen  langen ,  starken  Bart 
trug.  Er  w^ar  unter  drei  verschiedenen  Namen  bekannt, 
nemlich  als  Bochica,  Nemquetheba  und  Zuhe.  Dieser  Greis 
lehrte  die  Menschen,  gleich  Manco-Capac,  sich  zu  beklei- 


—       27       — 

den,  Hütten  zu  bauen,  die  Erde  zu  bearbeiten ,  und  sich  in 
Gesellscnaft  zu  vereinigen.      Bei  sich  hatte  er  eine  Frau, 
welcher  die  Tradition  gleichfalls  drei  Namen  giebt ,    und 
zwar  Chia,  Yubecayguaya  und  Huythaca.     Dieses  Weib, 
das  aufserordentiich  schein,  aber  auch  eben  so  boshaft  war, 
arbeitete  ihrem  Mann  in  Allem,  was  er  zum  Glück  der  Men- 
schen  unternahm,    entgegen.      Durch    ihre  Zauberkünste 
machte  sie  den  Flufs  Funzha  anschwellen,  dessen  Wasser 
das  Thal  von  Bogota  überschwemmten.    In  dieser  Fluth  ka- 
.men  die  meisten  Einwohner  um,   und  nur  einige  retteten 
sich  auf  die  Spitze  der  benachbarten  Gebirge.     In  seinem 
Zorn  hierüber  verjagte  der  Greis  die  schöne  Huythaca  weit 
von  der  Erde;  sie  wurde  zum  Mond,  der  von  da  an  unseren 
Planeten  bei  Nacht  beleuchtet.      Endlich  zerriefs  Bochica , 
sich  der  auf  den  Gebirgen  umherirrenden  Menschen  erbar- 
mend,   mit  mächtiger  Hand  die  Felsen,   welche  das  Thal, 
auf  der  Seite  von  Canoas  und  Tequendama,  schliefsen,  liefs 
die  Wasser  des  Sees  von  Funzha  durch  diese  Oefnung  ab- 
fliefsen ,  vereinigte  die  Volker  aufs  neue  im  Thal  von  Bogo- 
ta, baute  Städte,  führte  die  Anbetung  der  Sonne  ein,  er- 
nannte Oberhäupter,  unter  welche  er  die  geistliche  und  welt- 
liche Macht  vertheilte,   und  zog  sich  am  Ende,   unter  dem 
Namen  Idacanzas,  in  das  heilige  Thal  von  Iraca,  bei  Tun- 
ja,  zurück,  wo  er  in  üebungen  der  strengsten  Bufse  noch 
über  zweitausend  Jahre  lang  fortlebte, 

Reisende,  die  die  Imposante  Lage  der  grofsen  Kaskade 
des -Tequendama  gesehen  haben,  werden  sich  nicht  wun- 
dern ,  dafs  rohe  Menschen  diesen  Felsen ,  welche  wie  von 
Menschenhänden  durchgehauen  scheinen ;  diesem  engen 
Schlund,  in  den  sich  ein  Flufs  stürzt,  der  alle  Wasser  des 
Thals  von  Bogota  aufnimmt;  diesen  Regenbogen,  die  in  den 
schönsten  Farben  glänzen,  und  jeden  Augenblick  ihre  Form 
verändern;  dieser  Dunstsäule,  die  sich  wie  eine  dicke  Wolke 
erhebt,  und  die  man  in  einer  Entfernung  von  fünf  Meilen 


—      ä8      — 

bei  einem  Spaziergange  um  die  St^adt  Santa-Fe  noch  erkennt, 
dafs  sie  allem  diesem  einen  wunderbaren  Ursprung  gegeben 
haben.  V^on  solchem  majestätischem  Schauspiel  kann  die 
sechste  Kupfertafel  nur  eine  schwache  Vorstellung  geben  ; 
denn,  wenn  es  schwer  ist,  die  Schönheiten  einer  Kaskade 
zu  beschreiben,  so  ist  es  noch  viel  schwerer,  sie  in  einer 
Zeichnung  fühlbar  zu  machen.  Der  Eindruck,  den  sie  auf 
die  Seele  des  Beobachters  machen  ,  hängt  von  mehreren 
Umständen  ab.  Die  Wassermasse,  die  sich  herabstürzt, 
mufs  in  richtigem  Verhältnifs  zur  Höhe  ihres  Falls  seyn » 
und  die,  sie  umgebende,  Gegend  einen  romantischen,  wil- 
den Karakter  haben.  Die  Pissevache  und  der  Staubbach  in 
der  Schweiz  haben  eine  sehr  grofse  Höhe ,  aber  ihre  Was- 
sermasse ist  unbeträchtlich.  Der  Niagara-  und  der  Rhein- 
fall hingegen  zeigen  eine  ungeheure  Wassermasge,  aber  ihr 
F;ill  ist  nicht  über  fünfzig  Meters  Höhe.  Eine  Kaskade, 
die  mit  nur  wenig  erhabenen  Htigehi  umgeben  ist,  macht 
weniger  Wirkung,  als  die  Wasserfälle,  die  man  in  den  tie- 
fen Thälern  der  Alpen,  der  Pyrenäen,  und  besonders  der 
Anden- Cordillera  sieht.  Aufser  der  Höhe  und  dem  Um- 
fang der  Wassersäule ,  aufser  der  Gestaltung  des  Bodens  und 
dem  Anblick  der  Felsen ,  giebt  die  Kraft  und  die  Form  der 
Bäume  und  der  Graspflanzen,  ihre  Vertheilung  in  Gruppen, 
oder  einzelne  StrUufse,  und  der  Kontrast  zwischen  den  Stein- 
massan  und  der  frischen  Vegetation  solchen  grofsen  Natur- 
scenen  einen  besondern  Karakter.  So  würde  der  Sturz  des 
Kiagara  noch  viel  schöner  seyn,  wenn  seine  Umgebungen 
statt  sich  unter  einer  nördlichen  Zone ,  in  der  Gegend  der 
Pinien  und  Eichen  zu  befinden,  mit  Heliconia,  Palmen  und 
baumartigem  Farrenkraut  geschmückt  wären. 

Der  Fall  (^  Salto)  des  Tequendama  vereinigt  ales,  was 
eine  Gegend  im  höchsten  Grade  mahlerisch  machen  kann. 
Indefs  ist  er  nicht  die  höchste  Kaskade  auf  der  Erde,  wie 
man  im  Lande  selbst  glaubt  (^Piedrahitn^  S.  ly.  Julian^ 


-       29       - 

la  Perla  de  la  America^  provincia  de  Santa  Martha^ 
1787»  S.  y.),  und  wie  es  die  Physiker  in  Europa  wiederholt 
haben  (^Gehler  physicalisches  Wörterbuch,  B.  IV.  S.  655.) 
Der  Flufs  stürzt  sich  nicht,  wie  Bouguer  sagf  (Figure  de  la 
terre,  8.92.)»  *«  e^'"^"  Abgrund  von  fünf  bis  sechshundert 
Meters  perpendiculäre  Tiefe;  aber  es  wird  kaum  eine  Kas- 
kade geben,  welche  bei  einer  so  ansehnlichen  Fallhöhe  eine 
so  grofse  Wassermasse  enthält.  Der  Rio  de  Bogota  hat, 
nachdem  er  die  Sümpfe  zwischen  den  Dörfern  Facativa  und 
Fontibon  getränkt,  noch  bei  Canoas,  etwas  über  dem  Salto, 
eine  Breite  von  vier  und  vierzig  Metern,  und  ist  also  halb 
so  breit,  als  die  Seine  in  Paris  zwischen  dem  Louvre  und 
dem  Palais  des  arts.  Nahe  bei  dem  Wasserfall  selbst,  wo 
die  Kluft,  die  durch  ein  Erdbeben  gebildet  zu  seyn  scheint, 
nur  zehn  bis  zwölf  Meters  Oefnung  hat,  verengt  sich  der 
Flufs  sehr.  Aber  noch  zur  Zeit  der  Dürre  hat  die  Wasser* 
masse,  die  sich  in  zween  Streifen  hundert  und  fünf  und  sie- 
benzig  Meters  tief  herabstürzt,  ein  Profil  von  neunzig  Qua- 
drat-Metern. Auf  der  Zeichnung  dieser  Kaskade  hat  man 
zween  Männer  als  Maasstab  für  die  Gesamt- Höhe  des  Salto 
angebracht.  Der  Punkt,  auf  welchem  sie  am  obern  Rande 
stehn  ,  ist  zweitausend  vierhundert  sieben  und  sechszig  Me- 
ters über  dem  Meeresspiegel  erhaben.  Von  diesem  Punkte 
bis  an  den  Magdalenenstrom  hat  der  kleine  Flufs  Bogota, 
"Welcher  am  Fufs  der  Kaskade  den  Namen  Rio  de  la  Mesa, 
oder  de  Tocayma,  oder  del  Collegio  annimmt,  noch  über 
zweitausend  einhundert  Meters  Fall,  welches  über  hundert 
und  vierzig  Meters  auf  die  gewöhnliche  Meile  beträgt. 

Der  Weg,  welcher  von  der  Stadt  Santa -Fe  nach  dem 
Salto  des  Tequendama  führt,  geht  durch  das  Dorf  Suacha 
und  die  grofse  Pächterei  Canoas,  welche  durch  ihre  schö- 
nen Weizen- Erndten  bekannt  ist.  Man  glaubt,  dafs  die  un- 
geheure Dunstmasse,  die  sich  täglich  aus  der  Kaskade  er- 
hebt, und  durch  den  Kontakt  der  kalten  Luft  wieder  nieder- 


—      30      — 

gestürzt  wird,  viel  zur  grofsen  Fruchtbarkeit  dieses  Theils  des 
Plateau  von  Bogota  beiträgt.  In  einer  kleinen  Entfernung  von 
Canoas,  auf  der  Höhe  von  Chipa,  geniefst  man  eine  präch- 
tige Aussicht,  Avelche  den  Reisenden  durch  die  Kontraste, 
die  sie  darstellt,   in  Erstaunen  setzt.    Man  hat  so  eben  die 
mit  Weizen  und  Gerste  bebauten  Felder  verlassen,   sieht 
nun,   aufser  den  Aralia*s,   der  Alstonia  theseformis ,   den 
Begonia  und  dem  gelben  Fieberrindenbaum,  (Cinchona  cor- 
difolia,  Mut  )  Eichen,  Ulmen  und  andre  Pflanzen  um  sich 
her,   deren  Wuchs  an  europaische  Vegetation  erinnert,  und 
entdeckt ,  wie  von  einer  Terrasse  herab ,  so  zu  sagen .  zu 
seinen  Füfsen,  ein  Land,  wo  Palmen,  Pisangs  und  Zucker- 
rohr wachsen.    Da  die  Kluft,  in  welche  sich  der  Rio  de  Bo- 
gota stürzt,  an  die  Ebenen  der  heifsen  Region  (jbierra  ca- 
liente)  stÖfst,  so  haben  sich  einige  Palmen  bis  an  den  Fufs 
der  Kaskade  herangemacht.     Wegen  dieses  besondern  Üm- 
stands  sagen  die  Bewohner  von  Santa-Fe,  der  Fall  des  Te^ 
quendama  sey  so  hoch,  dafs  das  Wasser  in  Einem  Sprung 
aus  dem  kalten  Land  (j;erra  fria)m  das  heifse  stürze.    In- 
defs  sieht  man  wohl,  dafs  eine  Hohen- Verschiedenheit  von 
blos  hundert  fünf  und  siebenzig  Meters  nicht  hinlänglich  Ist, 
um  eine  fühlbare  Veränderung  in  der  Luft-Temperatur  her- 
vorzubringen.    Wirklich  bewirkt  die  Hohe  des  Bodens  den 
Kontrast  zwischen  der  Vegetation  des  Plateau  von  Canoas 
und  der  in  der  Kluft  nicht;   denn   wenn  der  Fels  von  Te- 
quenda'ia,  welcher  ein  Sandstein  auf  einer  Thon-Basis  ist, 
nicht  so  schroff  abgeschnitten ,  und  das  Plateau  von  Canoas 
eben  so  gut  vor  Wind  und  Wetter  geschützt  wäre,  so  hät- 
ten sich  die  Palmbäume,  welche  am  Fufs  der  Kaskade  wach- 
sen ,    gewifs  schon  an  den  obern   Rand  des  Flufses  fortge- 
pflanzt.   Uebrigens  ist  diese  Vegetation  für  die  Bewohner 
des  Thals  von  Bogota  um  so  merkwürdiger,  da  sie  in  einem 
Clima  wohnen,  wo  der  Thermometer  sehr  oft  auf  den  Ge- 
frierpunkt herabsinkt. 


-       31       - 

Nicht  ohne  Gefahr  ist  es  mir  gelungen,  Instrumente  in 
die  Kluft  selbst,  bis  an  den  Fufs  der  Kaskade  zu  bringen. 
Auf  einem  engen  Pfade,  {Camino  de  la  Culebrd)  der  nach 
der  Kluft  de  la  Povasa  führt,  braucht  man  drei  Stunden 
zum  Hinuntersteigen.  Ünerachtet  der  Flufs  in  seinem  Sturz 
eine  Menge  Wassers  verliert,  das  sich  in  Dünste  verwan- 
delt, so  ist  der  Strom  unten  dennoch  so  reifsend,  dafs  sich 
der  Beobachter  dem  Bassin,  welches  sich  der  Wasserfall 
ausgehöhlt  hat,  auf  hundert  und  vierzig  Meters  nicht  nähern 
kann.  Der  Grund  dieser  Schlucht  wird  nur  schwach  vom 
Tageslicht  erleuchtet.  Die  Einsamkeit  des  Orts,  der  Reich- 
thum  der  Vegetation  und  das  schreckliche  Geräusch,  wel- 
ches man  vernimmt,  macht  den  Fufs  der  Kaskade  des  Te- 
quendaraa  zu  einer  der  wildesten  Gegenden  in  den  Cordil- 
leren. 


Siebente    Kupfertafel. 

Pyramide    von    Cholul  a. 

Unter  den  Völkerschwärmen,  die  vom  siebenten  bis 
zwölften  Jahrhundert  unsrer  Zeitrechnung  nach  auf  dem 
mexicanischen  Boden  ers^chienen  sind,  zählt  man  fünfe, 
nämlich  die  Tolteken,  die  Cicimeken,  die  Acolhuen,  die 
Tlascalteken  und  die  Azteken,  die,  trotz  ihrer  politischen 
Trennungen,  die  nemliche  Sprache  und  den  nemlichen  Got- 
tesdienst hatten,  und  pyramidalförmige  Gebäude  aufführten, 
welche  sie  als  TeocallVs ,  das  ist ,  als  Wohnungen  ihrer 
Götter,  ansahen.  Diese  Gebäude,  obschon  von  sehr  ver- 
schiedener Gröfse,  hatten  doch  alle  einerlei  Form;  sie  wa- 
ren Pyramiden  von  mehreren  Absätzen,  deren  Seiten  sich 
genau  nach  der  Mittags-  und  der  Parallel  -  Linie  des  Orts 
richteten.  Der  Teocalli  erhob  sich  mitten  auf  einem  vier- 
eckigten ,  mit  einer  Mauer  eingefafsten ,  Raum ,  der  mit 
dem  Peripolos  der  Griechen  verglichen  werden  kann,  und 


Gärten,  Springbronnen,  die  Wohnungen  der  Priester,  und 
manchmal  auch  Waffen  -  Magazine  einschlofs ;  indem  jeder 
mexicanische  Gottertempel  ein  fester  Ort  war,  wie  der  des 
Baal  Berith ,  welcher  von  Abimelech  verbrannt  wurde.  Eine 
grofse  Treppe  führte  auf  den  Gipfel  der  abgestumpften  Py- 
ramide. Oben  auf  dieser  Platt -Form  standen  eine,  oder 
zwei  thurmartige  Kapellen,  in  denen  man  die  kolossalen 
Bildsäulen  der  Gottheit,  welcher  der  Teocalli  gewidmet 
war,  aufgestellt  hatte.  Diesen  Theil  des  Gebäudes  mufg 
man  als  den  wesentlichsten  ansehen ;  es  ist  der  Naos,  oder 
vielmehr  der  Secos  der  griechischen  Tempel.  Hier  war  es 
auch,  wo  die  Priester  das  heilige  Feuer  unterhielten.  We- 
gen der  besondern  Form  des  Gebäudes  konnte  der  opfernde 
Priester  von  einer  grofsen  Menge  Menschen  zugle  ch  gesehen, 
und  die  Procession  der  Teopixqui,  die  die  Tieppen  auf 
oder  niederstiegen ,  von  weitem  wahrgenommen  werden» 
Das  Innere  des  Gebäudes  diente  zum  Begräbnifsort  der  Kö* 
nige  und  der  angesehensten  Mexicaner.  Unmöglich  kann 
man  die  Beschreibungen  Herodots  und  Diodors  von  Sicilien 
von  dem  Tempel  des  Jupiter  Belus  lesen ,  ohne  die  Aehn* 
lichkeit  dieses  babylonischen  Monuments  mit  den  Teocalli's 
von  Anahuac  auffallend  zu  linden. 

Als  im  Jahr  1190  die  Mexicaner  oder  Azteken,  einer 
von  den  sieben  Stämmen  der  Anahuatlacs  (Üferbewohner) 
in  der  Aequinoktial-Gegend  Neu-Spaniens  ankamen,  fanden 
sie  daselbst  schon  die  pyramidalförmigen  Monumente  von 
Teotihuacan  y  von  Cholula  oder  Cholollan  und  von  Pa* 
pantla.  Sie  schrieben  diese  grofse  Bauten  der  mächtigen^ 
und  civilisirten  Nation  der  Tolteken  zu,  welche  fünfhun-, 
dert  Jahre  früher  Mexico  bewohnte,  sich  der  Hieroglyphen-, 
Schrift  bediente,  und  ein  viel  genaueres  Jahr  und  eine  weit, 
richtigere  Chronologie  hatte,  als  die  meisten  Vt3lkcr  der 
alten  Welt.  Die  Azteken  selbst  wufsten  nicht,  welcher, 
Stamm  das  Land  von  Anahuac  vor  den  Tolteken  inne  ge-» 

habt. 


~        33        - 

hal^t,  und  legten  daher  den  Tempeln  von  Teotihuacan  und 
Cholollan  ein  hohes  Alter  bei,  da  sie  sie  für  ein  Werk  der 
Tolteken  hielten.  Es  wäre  indefs  möglich,  dafs  sie  schon 
vor  der  Ankunft  der  letztern,  d.  h.  vor  dem  Jahr  Ö48  unsrer 
Zeitrechnung,  erbaut  worden  waren.  Uebrigens  dürfen  wir 
Uns  nicht  wundern,  dafs  die  Geschichte  keines  americani- 
schen  Volks  vor  dem  siebenten  Jahrhundert  beginnt,  und 
dafs  die  der  Tolteken  eben  so  ungewifs  ist,  als  jene  der  Pe- 
lasger  und  der  Ausonier.  Hat  doch  ein  tiefForschender  Ge- 
lehrte, Herr  Schlözer,  bis  zur  Evidenz  bewiesen,  dafs  die 
Geschichte  des  Nordens  von  Europa  nicht  höher,  als  bis 
ins  zehnte  Jahrhundert,  hinaufreicht,  um  welche  Zeit  der 
tnexicanische  Plateau  bereits  eine  weit  höhere  Civilisation 
darstellte,  als  Dannemark,  Schweden  und  Rufsland. 

Der,  dem  grofsen  Geist  Tezcatlipoca  und  dem  Kriegs- 
gott, Huitzilopochtli,  geweihte,  Teocalli  zu  Mexico  wur- 
de von  den  Azteken ,  nach  dem  Muster  der  Pyramiden  von' 
Teotihuacan,  erbaut,  und  zw*gr  nur  sechs  Jahre  vor  der' 
Entdeckung  America's  durch  Christoph  Columb*  Diese  ab- 
gestumpfte Pyramide,  welche  Cortes  den  Haupttempel  nennt,' 
hatte,  an  ihrer  Base  eine  Breite  von  97  Meters,  und  eine 
Höhe  von  ungefähr  54  M.  Man  darf  sich  gar  nicht  wundefB','' 
dafs  ein  Gebäude  von  solchem  Umfang  wenige  Jahre  schon 
nach  der  Belagerung  von  Mexico  zerstört  war.  Sieht  man 
in  Egypten  doch  kaum  noch  einige  Ueberbleibsel  von  den 
ungeheuren  Pyramiden ,  welche  sich  aus  der  Mitte  des  Sees 
Moeris  erhoben,  und  nach  Herodots  Zeugnifs  niit  kolossalen 
Bildsäulen  geziert  waren.  Eben  so  sind  auch  die  Pyramiden' 
des  Porsenna,  deren  Beschreibung  etwas  fabelhaft  klingt, 
und  unter  welchen  viere,  wie  Varro  meldet,  über  80  Meters 
Höhe  hatten,  in  Etrurien  verschwunden.  {Plin.  XXXV L 19,) 
Rifsen  indefs  die  europäischen  Ei'oberer  auch  gleich  die 
Teocalli's  der  Azteken  nieder  j  so  gelang  es  ihnen  doch 
nicht,  ältere  Monumente j  Welche  man  der  toltekischen  Na- 
Humholdt'spitt.  Ani,d>  Cordilli  ^ 


—        34        - 

tion  zuschreibt,  auf  gleiche  Weise  zu  zerstören.  Wir  wol- 
len nun  eine  kurze  Beschreibung  von  diesen,  wegen  ihrer 
Form  und  Gröfse  gleich  merkwürdigen,  Monumenten  geben. 
Die  Pyramiden-Gruppe  von  2'eotlhuacan  steht  in  dem 
Thai  von  Mexico,  in  einer  Entfernung  von  acht  Meilen 
nord-östlich  von  der  Hauptstadt,  und  zwar  auf  einer  Ebene, 
welche  Micoa/:/ ,  (die  Strafse  der  Todten,)  genannt  wird. 
Man  sieht  daselbst  noch  jetzt  zwei  grolse,  der  Sonne  (Tb- 
natluK)  und  dem  Monde  (Meztli)  geweihte,  Pyramiden, 
die  von  mehreren  hunderten  kleiner  Pyramiden  umgeben 
sind ,  welche  genau  von  Norden  nach  Süden  und  von  Osten 
nach  Westen  laufende  Strafsen  bilden.  Von  den  beiden  grofsen 
"J^eocallV s  h&t  der  eine  55,  und  der  andre  44  Meters  senk- 
rechter Höhe.  Die  Basis  des  erstem  ist  208  Meters  lang, 
woraus  sich,,  den,  im  Jahr  1803  von  Herrn  Oteyza  angestell- 
ten,  Messungen  zufolge,  ergiebt,  dafs  der  Tonatiuh  Yzta- 
qual  höher  ist,  als  der  Mycerinus,  oder  die  dritte  von  den 
drei  grofsen  Pyramiden  zu  Ghize,  und  dafs  die  Länge  ihrer 
Basis  der  des  Cephren  ungefähr  gleichkommt.  Die  kleinen 
Pypmiden,  welche  die  grofsen  Häuser  der  Sonne  und  des 
Monds  umgeben,  sind  kaum  9  bis  10  Meters  hoch,  und  dien- 
ten ,  nach  der  Sage  der  Eingebornen ,  zu  Begrab« ifsplätzen 
für  die  Häupter  der  Stämme.  Auch  um  den  Cheops  und 
den.JVlycerinus  her  in  Egypten  unterscheidet  man  acht  klei- 
ne, mit  vieler  Symmetrie  aufgestellte,  und  mit  den  grofsen 
parallellaufende,  Pyramiden.  Die  beiden  TeocallVs  von 
Teotihuacan  hatten  vier  Haupt-Absätze,  von  denen  jeder 
\yieder  in  kleine  Stufen,  deren  Kanten  noch  bemerkbar 
sind,  abgetheilt  war.  Ihr  Kern  be&teht  aus  Thon ,  mit 
kleine.!  Steinen  vermischt,  und  ist  mit  einer  dicken  Mauer 
Yoa,  T(?zo«it/i,'0<ler  porösem  Mandelstein,  bekleidet.  Die- 
se Bauart  erinert  an  eine  der  egyptischen  Pyramiden  zu 
Sakhara,  welche  sechs  Absätze  hat,  und  nach  Pocoke's  Be- 
schreibung  (S.  Reise  ^    in    der   Neuchateller  Ausgabe  ^ 


-       35       — 

1752.  B.  I.  S.  147.)  eine,  von  aufsen  mit  rohen  Steinen  be- 
kleidete, Masse  von  Kieseln  und  gelbenti  Mörtel  ist,  Obeu 
auf  den  mexicanischen  TeocalLi's  standen  zwo  kolossale 
Statuen  der  Sonne  und  des  Monds,  von  Stein  und  mit  Gold- 
platten überzogen,  welche  von  Cortes  Soldaten  weggenom- 
men wurden.  Als  der  Bischof  Zumarngaj  Vom  Franciscaner- 
Orden,  alles  zu  zerstören  unternahm,  was  auf  den  Gottes- 
dienst, die  Geschichte  und  die  Alterthumer  der  Eingebor- 
nen  von  America  Bezug  hatte,  liefs  er  auch  die  Idole  auf 
der  Ebene  von  Micoatl  zertrümmern.  Noch  sieht  man  da- 
selbst die  Reste  einer  Treppe  von  grofsen  gehauenen  Stei- 
nen, welche  vor  Alters  auf  die  Plattform  des  TeocallVs 
geführt  hatte. 

Oestlich  von  der  Pyfätnideh^  Gruppe  von  Teötihuacan, 
"wenti  man  die  Cordillera,  gegen  den  Golf  von  Mexico  zu, 
herabsteigt,  erhebt  sich  In  einem  dichten  Wäldö  j  Tajin  ge- 
nannt, die  Pyramide  von  Papäntla.  Der  Zufall  liefs  sie  erst 
vor  nicht  völlig  dreifsig  Jahren  durch  spänische  JUger  ent- 
decken; denn  die  Indianer  suchen  den  Weifsen  alle  Gegen- 
stände alter  Verehrung  Zu  vefbergeii.  Die  Fof m  dieses  Teo- 
callVs,  welcher  sechs,  ja  Vielleicht  sieben  Stockwerke  ge- 
habt hat,  ist  schnellei*  äufschiefsend ,  als  an  allen  übrigen 
Monumenten  dieser  Gattung.  Seine  Höhe  beträgt  üngef  hr 
18  Meters,  und  seine  Basenlänge  nur  25  M*;  et*  Ist  folglich 
um  die  Hälfte  niedriger,  als  die  Pyramide  des  Cajas  Cestius 
Äu  Rom,  welche  33  M*  hoch  ist.  Dieses  kleine  Gebäude  ist 
ganz  von  aiifserordentlich  grofsen ,  behauenen  Steinen  auf- 
geführtj  welche  sehr  schon  und  regelmäfsig  gearbeitet  sind* 
Auf  seine  Spitze  führen  drei  Treppen*  Die  Bekleidung  der 
Absätze  ist  mit  hieroglyphischen  Bildhauer- Arbeiten ^  und 
vielen,  sehr  symmetriscn  veftheilteri^  kleinen  Nischen  ge- 
ziert, deren  Zahl  auf  die  378  einfachen  und  zusammenge- 
setzten Zeichen  der  Tage  des  Compohualilhüitl ,  oder  des 
gemeinen  Kalenders  der  Tolteken,  anzuspielen  scheint. 


-        36        - 

Das  gröste,  das  älteste  und  berühmteste  unter  allen  py- 
ramidaltschen  Monumenten  von  Anahuac  ist  der  Teocalli 
von  Cholula.  IVIan  nennt  ihn  heutzutag  den,  von  Menschen- 
händen gemachten^  Berg  (^monte  hecho  amano),  und 
Von  weitem  könnte  man  ihn  auch  wirklich  für  einen,  mit 
Vegetation  bedeckten,  natürlichen  Hügel  halten.  Auf  der 
siebenten  Platte  ist  diese  Pyramide  in  ihrem  gegenwärtigen 
Verfall  vorgestellt. 

Die  grofse  Ebene  von  Puebla  ist  durch  die  vulcanische 
Bergkette,  welche  sich  von  dem  Popocatepetl  bis  gegen  den 
Rio  Frio  und  den  Pic  von  Telapon  hin  erstreckt,  von  dem 
Thal  von  Mexico  getrennt.  (S.  meinen  mexicanischen  At- 
las^ PI.  IlL  und  IX.)  Diese  fruchtbare,  aber  baumlose 
Ebene  ist  reich  an  interessanten  Gegenständen  für  die  mexi- 
canische  Geschichte.  Sie  umfafst  die  Hauptorte  der  drei 
Republiken  von  Tlascala,  Huexotingo  und  Cholula,  wel- 
che, unerachtet  ihrer  unaufhörlichen  Zwistigkeiten ,  den- 
noch dem  Despotismus  und  üsurpationsgeist  der  aztekischen 
Könige  widerstanden  haben. 

Heutzutag  zählt  die  kleine  Stadt  Cholula,  die  von  Cor- 
tes  in  seinen  Briefen  an  den  Kaiser  Karl  V.  mit  den  volk- 
reichsten Städten  Spaniens  verglichen  wird ,  kaum  noch 
16,000  Einwohner.  Die  Pyramide  steht  östlich  von  der 
Stadt,  auf  der  Strafse  nach  Puebla.  Die  Westseite,  welche 
unser  Kupferstich  darstellt,  ist  sehr  gut  erhalten.  Die  Ebe- 
ne von  Cholula  zeigt  den  nemlichen  Karakter  von  Nacktheit, 
welcher  allen,  2200  Meters  über  die  Meeresfläche  erhabenen, 
Plateau's  eigen  ist.  Auf  dem  Vordergrund  unterscheidet 
man  einige  Agaven  -  Stämme  und  Drachenbäume.  In  der 
Ferne  entdeckt  man  die  Spitze  des,  mit  Schnee  bedeckten, 
Vulcans  von  Orizaba ,  eines  kolossalen  Bergs  von  5*295  Me- 
ters absoluter  Höhe,  von  welchem  ich  eine  Zeichnung  in 
dem  mexicanischen  Atlas,  PJ.  XVII.  bekannt  gemacht 
habe. 


—       37        — 

Der  Teocalli  von  Cholula  besteht  aus  vier,  gleich  ho- 
hen, Absätzen,  und  scheint  genau  nach  den  vier  Himmels- 
Gegenden  gestellt  gewesen  zu  seyn.     Da  aber  die  Kanten 
an  den  Absätzen  nicht  mehr  genau  ausgedrückt  sind ,  so  ist 
jhre  ursprüngliche  Richtung  schwer  zu  erkennen.     Dieses 
pyramidalische  Monument  hat  eine  weit  ausgedehntere  Ba- 
sis, als  irgend  ein,  in  der  alten  Welt  entdecktes,  Gebäude 
dieser  Art.     Ich  habe  es  mit  Sorgfalt  gemessen,    und  mich 
überzeugt,   dafs  seine  perpendikulare  Höhe  nur  4^  Meters 
hat,   jede  Seite  der  Basis  hingegen  439  M.  lang  ist.     Tor- 
quemada  giebt  ihm  77  Meters  Höhe;    ßetancourt  65,   und 
und  Clavigero  61  M.     Bernal  Diaz  del  Castillo,  ein  gemei- 
ner Soldat  bei  Cortes  Zuge,    zählte  zum  Zeitvertreib  die 
Treppenstufen,  welche  auf  die  Platt-Formen  der  Teocalli' s 
führten,  und  fand  bei  dem  grofsen  Tempel  zu  Tenochtitlan 
J14,  bei  dem  zu  Tezcuco  117,  und  bei  der  Pyramide  von 
Cholula   120.      Die  Basis  der  letztern  ist  zweimal  gröfser, 
als  an  der  des  Cheops;   ihre  Höhe  übersteigt  aber  die  der 
Pyramide  des  Mycerinus  nur  um  Weniges.     Vergleicht  nan 
die  Dimensionen  des  Sonnenhauses  zu  Teotihuacan   und  der 
Pyramide  von  Cholula  mit  einander,  so  sieht  man,  dafs  das» 
Volk,  welches  diese  merkwürdige  Monumente  erbaute,  die 
Absicht  hatte,  ihnen  einerlei  Höhe,  aber  eine  Langen- Basis 
zu  ^t-ben,   die  sich  wie  i  zu  a  verhalten  sollte.    Das  Ver- 
hältnifs  zwischen  der  Basis  und  der  Höhe  ist  dagegen  bei  den 
verschiedenen  Monumenten  sehr  abweichend.     Bei  den  drei 
grofsen   Pyramiden  von  Ghize  verhält  sich  erstere  zu  der 
letztern  wie  i  zu  1  y^;  bei  der  mit  Hieroglyphen  bedeckten 
Pyramide  von  Papantla  wie  i  zu  j^;  bei  der  grofsen  Pyramide 
von  Teotihuacan  wie  i  zu  3  j^  und  bei  der  zu  Cholula  wie  ^ 
zu  7  Y%'    Letzteres  Monument  ist  von  ungebrannten  Ziegel- 
steinen  (Xamilli)^  welche  mit  Thonlagen  abwechseln,  aufge  • 
führt.  Die  Indianer  von  Cholula  haben  mich  versichert,  dafs 
das  Innere  der  Pyramide  hohl  sey,  und  dafs  ihre  Vorlahren 


-       38       - 

bei  dem  Aufenthalt  des  Cortes  in  der  Stadt  eine  grofse  Men- 
ge Krieger  caiin  versteckt  hätten,  um  die  Spanier  unverse- 
hens zu  überfallen.  Die  Materialien  aber,  aus  denen  dieser 
Teocalli  besteht,  und  das  Stilleschvveigen  der  Geschicht- 
schreiber jenes  Zeitalters  machen  diese  Erzählung  ziemlich 
unwahrscheinlich,  (  Carlas  de  Hernan  Cortes  ;  Mexico, 
1770.  S.  69.) 

Es  läfst  sich  jedoch  nicht  in  Zweifel  ziehen,  dafs  in 
dieser  Pyramide,  wie  in  andern  ToecallVs^  grofse  Höh- 
lungen gewesen  sind,  die  zu  Begriibnissen  der  Eingebornen 
gedient  haben,  Ihre  Entdeckung  wurde  durch  einen  beson- 
dern umstand  veranlafst.  Vor  sieben  oder  acht  Jahren  hat 
man  die  Strafse  von  Puebla  nach  Mexico,  welche  vorher  auf 
der  Nordseite  der  Pyramide  vorbeilief,  verändert.  Um  die- 
sem Weg  eine  gerade  Richtung  zu  geben,  wurde  der  erste 
Absatz  durchgeschnitten,  so  dafs  nur  noch  ein  Achttheil  da- 
von isoliert,  wie  ein  Haufen  2,iegel,  stehen  blieb,  Bei  die- 
ser Arbeit  nun  entdeckte  man  ein  viereckigtes  Haus ,  das 
von  Steinen  erbaut,  und  mit  Balken  von  Cupressus  disticha 
unterstützt  war.  Es  enthielt  zween  Todcenkürper,  Idole 
von  Basalt  und  viele  gefirnifste,  künstlich  gemahite,  Gefäs- 
se.  Man  nahm  sich  gar  nicht  die  Mühe,  diese  Gegenstände 
aufzubewahren,  will  sich  aber  sorgfältig  davon  überzeugt 
haben,  dafs  dieses,  mit  2^iegeln  und  Thonschichten  bf-v?ck- 
te,  Haus  ohne  Ausgang  gewesen  sey.  Nimmt  man  aln ,  die 
Pyramide  sey  nicht  von  den  ersten  Einwohnern  von  Cholu- 
la,  sondern  durch  Gefangene  aus  den  benachbarten  Völkern 
erbaut  worden,  so  könnte  man  glauben,  dafs  diese  Leich- 
name die  Reste  einiger  unglücklicher  Sklaven  gewesen,  wel- 
che man  vorsätzlich  in  dem  Innern  des  TeocallVs  habe  um- 
kommen lassen.  Wir  haben  die  Ueberbleibsel  dieses  unter- 
irdischen Hauses  untersucht,  und  eine  besondere  Anordnung 
der  Ziegel  bemerkt,  welche  die  Verminderung  des  Drucks, 
den  das  Dach  leiden  mufste,  bezweckte.  Weil  die  Ein  wob- 


-       39       -- 

ner  keine  Gewölbe  zu  machen  verstanden ,  so  legten  sie 
sehr  breite  Ziegel  horizontal  aufeinander,  so  dafs  die  obern 
über  die  untern  hervortraten.  Hieraus  entsand  eine  stufen- 
weise Zusammensetzung,  welche  einigermafsen  den  gothi- 
schen  Bogen  ersetzte,  von  dem  man  auch  in  verschiedenen 
egyptischen  Gebäuden  Spuren  gefunden  hat.  Es  wäre  merk- 
würdig, eine  Gallerie  durch  den  Teocalli  von  Cholula  zu 
brechen,  um  seine  innere  Zusammensetzung  zu  untersuchen, 
und  es  ist  auch  wirklich  zum  Erstaunen,  dafs  die  Lust  nach 
verborgenen  Schätzen  nicht  bereits  dieses  Unternehmen  ver- 
anlafst  ha^  Als  ich  auf  meiner  peruanischen  Reise  die  weit- 
läuftigen  Ruinen  der  Stadt  desChimü,  in  der  Nähe  von  Man- 
siche,  besuchte,  gieng  ich  in  das  Innere  der  Huaca  de 
Toledo^  des  Grabmahls  eines  peruanischen  Prinzen,  in 
welchem  Garci  Gutierez  von  Toledo  im  Jahr  1576,  mittelst 
eines  Schachtes,  für  mehr  denn  fünf  Millionen  Franken  an 
massivem  Gold  entdeckte,  wie  solches  durch  die  Rechnungs- 
bücher bewiesen  ist,  die  in  den  Archiven  von  Truxillo  auf- 
bewahri"  werden. 

Der  grofse  Teocalli  von  Cholula ,  welcher  auch  der 
Berg  von  ungebrannten  Ziegeln  (Tlalchihualtepec)  heifst, 
hatte  auf  seinem  Gipfel  einen  dem  Quetzalcoatl,  dem  Gott 
der  Luft,  gewidmeten  Altar.  Dieser  Quetzalcoatl  (dessen 
Namen  eine,  mit  grünen  Federn  bekleidete,  Schlange  be- 
deutet, von  coatl  Schlange,  und  quetzalll^  grüne  Feder) 
ist  ohne  Zweifel  das^  geheimnifsvollste  Wesen  in  der  ganzen 
mexicanischen  Mythologie.  Er  wird  als  ein  weifser,  bär- 
tiger Mann  geschildert,  wie  der  Bochica  der  Muyscas,  von 
dem  wir  weiter  oben ,  bei  der  Beschreibung  vom  Wasserfall 
des  Tequendama,  gesprochen  haben;  war  Ober-Priester  zu 
Tula  (Tollan)  ^  Gesetzgeber  und  Haupt  einer  religiösen 
Sekte,  welche  sich,  gleich  den  Sonnyasis  und  den  Budd- 
histen von  Indostan,  die  grausamsten  Bufsübungen  auflegte. 
Er  führte  den  Gebrauch  ein ,  sich  Lippen  und  Ohren  zu 


—        40       —      ' 

durchstechen,  und  die  übrigen  Körpertheile  mit  den  spitzi- 
gen Blättern  der  Agave  oder  mit  den  Stacheln  des  Cactus 
zu  verwunden ,  wobei  Schilfrohren  in  die  Wunde  gesteckt 
wurden,  damit  man  das  Blut  desto  besser  herabrieseln  sah. 
In  der  vaticaniscben  Bibliothek  habe  ich  auf  einer  Zeichnung 
(^Codex  anonymusy  nro^  3»738.  Fol.  8)  eine  Figur  gesehn, 
welche  den  Quetzalcoatl  vorstellt,  wie  er  durch  seine  Bufs- 
üebung  den  Zorn  der  Götter  besänftiget,  als  1^,060  Jahre 
nach  Erschaffung  der  Welt,  (ich  folge  der,  sehr  schwanken- 
den» Chronologie  des  Paters  Rios.)  eine  grofse  Hungers- 
noth  in  der  Provinz  Culan  herrschte.  Der  Heilige  hatte  sich 
auf  dem  Vulcan  Calcitepetl  (^der  redende  Berg}  bei  Tlaxa- 
puchicalco  zurückgezogen,  wo  er  mit  blofsen  Füisen  auf 
den  stachlichten  Blättern  der  Agave  einhergieng.  Man  glaubt 
einen  von  jenen  Rishi,  Eremiten  am  Ganges,  zu  sehen, 
deren  fromme  Strenge  die  Puranas  erhc^ben.  (^Schlegel  über 
Sprache  und  Weisheit  der  Indier,  S.  13^.) 

Die  Regierung  des  Quetzalcoatl  war  das  goldene  Zeit- 
alter der  Völkerschaften  von  Anahuac.  Damals  lebten  alle 
Thiere  und  selbst  die  Menschen  im  Frieden,  die  Erde  brach- 
te die  reichsten  Erndten  von  selbst  hervor ,  und  eine  Menge 
Vögel,  welche  wegen  ihres  Gesangs  und  der  Schönheit  ih- 
res Gefieders  bewundert  wurden,  erfüllten  die  Luft.  Aber 
diese,  der  Saturnischen  ahnliche,  Regierung  und  das  Glück 
der  Welt  waren  nicht  von  langer  Dauer.  Der  grofse  Geist 
Tezcatlipoca,  der  Brohma  der  Völker  von  Anahuac,  gab 
dem  Quetzalcoatl  einen  Trank,  der  ihn  unsterblich  machte, 
ihm  aber  auch  zugleich  den  Geschmack  am  Reisen,  und  be- 
sonders  ein  unwiderstehliches  Verlangen  einflöfste,  ein  ent- 
legenes Land,  das  die  Tradition  Tlapallan  nennt,  zu  besu- 
chen. (jOlavigero  y  Storia  di  Messico.  T.  IL  S.  12.)  Die 
Aehnlichkeit  dieses  Namens  mit  dem  von  Huehuetlapallan, 
dem  Vaterland  der  Tolteken ,  scheint  wirklich  nicht  blos  zu- 
fällig zu  seyn.     Wie  soll  man  aber  begreifen,  dafs  dieser 


—      41      — 

weisse  Mensch ,  und  Priester  von  Tula ,  sich ,  wie  wir  bald 
sehen  werden,  nach  Süd-Osten,  den  Ebenen  von  Cholula 
zu,  und  von  da  nach  den  östlichen  Küsten  von  Mexico  ge- 
wandt haben,  um  in  das  Land  zu  gelangen,  wo  seine 
Voreltern  im  Jahr  596  unsrer  Zeitrechnung  ausgegangen 
waren. 

Als  Quetzalcoatl  das  Gebiet  von  Cholula  durchzog,  gab 
er 'den  Bitten  der  Einwohner  nach,  welche  ihm  die  Regie- 
rung anboten.  Er  blieb  zwanzig  Jahre  bei  ihnen,  lehrte  sie, 
Metallen  schmelzen,  setzte  die  grofsen  Fasten  von  80  Tagen 
ein ,  und  ordnete  die  Intercalationen  des  Toltekischen  Jahrs. 
Er  ermahnte  die  Menschen  zum  Frieden  ,  und  Hefs  der 
Gottheit  keine  andre  Gaben  darbringen,  als  die  Erstlinge 
der  Erndten,  Von  Cholula  gieng  Quetzalcoatl  an  die  Mündung 
des  Flufses  Goasacoalco,    wo  er  verschwand,  nachdem  er  '  '  «^1 

den  Cholulanern  (jChololtecatles)  hatte  verkündigen  lassen,  . ' 

dafs  er  in  einiger  Zeit  wieder  zurückkehren  werde,  um  sie  ! 

aufs  neue  zu  regieren ,  und  ihr  Glück  zu  erneuen* 

Der  urlglückliche  Montezuma  glaubte  in  den  Waffenbrü-  .   j 

dern  des  Cortes  die  Nachkommen  jenes  Heiligen  zu  sehen.  ! 

„Wir  wissen  aus  unsern  Büchern  ,**  fagte  er  in  seiner  ersten 
Unterredung  mit  dem  spanischen  General,  „dafs  wir,  ich,  r     j 

„und  alle,  die  dieses  Land  bewohnen ,  hier  nicht  unsern  Ur-  ^    ! 

,, Sprung  haben,  sondern  als  Fremde  sehr  weit  hergekommen  1     j 

„sind.     Wir  wissen  auch ,  dafs  der  Anführer  unsrer  Vorel-  '       " 

„tern    auf  eine  Zeitlang  in  sein  erstes  Vaterland  zurückge-  ' 

„gangen,  und  wiedergekommen  ist,  um  die,  welche  sich 
„hier  niedergelassen  hatten ,  zu  besuchen.  Er  fand  sie  mit 
„den  Weibern   dieses  Landes  verhelrathet,  mit  einer  zahl-  v      '; 

„reichen  Nachkommenschaft ,  und  in  Städten  wohnend ,  die  I 

„sie  erbaut  hatten.  Die  ünsrigen  wollten  ihrem  alten  Herrn 
„nicht  mehr  gehorchen,  und  so  kehrte  er  allein  zurück. 
„Wir  haben  immer  geglaubt ,  dafs  seine  Nachkommen  der-  ^ 

„einst  wieder  von  diesem  Land  Besitz  nehmen  würden.  Be-  i 

i 


-^    42    — ■ 

„denke  ich  also ,  dafs  ihr  daher  kommt,  wo  die  Sonne  auf- 
„geht,  und  dafs  wir  euch,  wie  ihr  mich  versichert,  bekannt 
„sind,  so  kann  ich  nicht  zweifeln,  dafs  der  Könij?,  der 
„euch  gesandt  hat,  unser  natürlicher  Herr  sei."  (^Erster 
Brief  von  Cortes  ,  §.  ^XI  und  ^X^/JC). 

Noch  heutzutage  besteht  unter  den  Indianern  von  Cho- 
lula  eine  andre,  5ehr  merkwürdige,  Sage,  kraft  der  die 
grofae  Pyramide  nicht  ursprünglich  dem  Dienst  des  Quet- 
zalcoatl  gewiedmet  war.  Als  ich  nach  meiner  Rückkehr  in 
Europa  die  mexicanischen  Handschriften  auf  der  vatikani- 
schen Bibliothek  in  Rom  untersuchte,  fand  ich  diese  nem- 
liche  Tradition  bereits  in  einer  Handschrift  des  Pedro  de 
los  Rios,  eines  Dominikaner-MÖnchs,  angeführt,  welcher 
im  Jahr  1566  alle  hieroglypischen  Mahlereien ,  die  er  sich 
verschaffen  konnte,  abzeichnete.  „Vor  der  grofsen  Ueber- 
jjschwemmung  (^Apachihuiliztli),  im  Jahr  4008  nach  Er- 
„schaffung  der  Welt,  war  das  Land  Anahuac  von  Riesen 
„bewohnt.  (Tzocuillicxegues^.  Alle  diejenigen ,  welche 
„nicht  umkamen,  wurden  mit  Ausnahme  von  sieben,  die 
„sich  in  Höhlen  geflüchtet  hatten  ,  in  Fische  verwandelt.  Als 
„die  Wasser  abgelaufen  waren,  gieng  einer  von  diesen  Rie- 
„sen,  Xelhuaz,  genannt  der  Baumeister,  nach  Cholollan,  wo 
„er,  zum  Andenken  an  den  ßerg  Tlaloc,  der  ihm  und  sei- 
„nen  sechs  Brüdern  zum  Zufluchts-Ort  gedient  hatte,  einen 
„künstlichen  Hügel  von  pyramidaiischer  Form  aufführte. 
„Die  Ziegel  dazu  lief?  er  in  der  Provinz  Tlamanalco,  am 
„Fufse  der  Sierra  vonCocotl,  verfertigen,  und  stellte,  um 
„sie  nach  Cholula  zu  bringen  ,  eine  Reihe  Menschen 
„auf,  die  sie  sich  von  Hand  zu  Hand  boten.  Die  Götter 
„sahen  dieses  Gebllude,  dessen  Spitze  die  Wolken  erreichen 
„sollte,  mit  Unwillen,  und  schleuderten ,  aufgebracht  über 
„Xelhua*s  Kühnheit,  Feuer  auf  die  Pyramide.  V^iele  Arbei- 
,-,ter  kamen   um,  das  Werk  wurde  nicht    fortgesezt,    und 


—      43      - 

„man  weihte  es  in  der  Folge  dem  Gott  der  Luft,    Quet: 
„zalcoatl.** 

Diese  Geschichte  erinnert  an  die  alten  Ueberlieferun- 
gen  des  Orients ,  welche  die  Hebräer  in  ihren  heiligen  Bü- 
chern auf  die  Nachwelt  gebracht  haben.  Noch  jetzt  bewah- 
ren die  Cholulaner  einen  Stein,  der  der  Angabe  nach,  in 
einer  Feuerkugel  aus  den  Wolken  auf  die  Pyramide  gefal- 
len ist.  Dieser  Aerolith  hat  die  Gestalt  einer  Kröte.  Um 
das  hohe  Alter  dieser  Fabel  von  Xelhua  zu  beweisen ,  be- 
merkt der  Pater  Rios,  dafs  sie  in  einem  Lied  enthalten  ge- 
wesen, welches  die  Cholulaner  bei  ihren  Festen  absangen, 
während  sie  um  den  Teocalli  tanzten,  und  dafs  dieses  Lied 
mit  den  Worten  :  Tulanian  hululäez  ,  die  in  keiner  der 
gegenwärtigen  mexicanischen  Sprachen  vorkommen ,  begon- 
nen habe,  üeberall  auf  dem  Erdboden,  auf  dem  Rücken  der 
Cordilleren,  wie  auf  der  Insel  Samothracien  auf  dem  Ae- 
geischen  Meere,  haben  sich  Bruchstücke  der  ür-Sprachen 
in  den  religiösen  Gebräuchen  erhalten. 

Die  Plattform  der  Pyramide  von  Cholula ,  auf  welcher 
ich  sehr  viele  astronomische  Beobachtungen  angestellt  habe, 
hält  4,  .00  Quadrat -Meters  Umfang.  Man  geniefst  daselbst 
eine  prächtige  Aussicht  auf  den  Popoca^epetl  ,  den  Iztacci- 
huatl,  den  Pic  von  Orizaba,  und  die  Sierra  von  Tlascalla, 
welche  durch  die  Gewitter  berühmt  ist,  die  sich  um  ihre 
Spitze  sammeln.  Man  sieht  zu  gleicher  Zeit  drei  Berge, 
die  höher,  als  der  Montblanc,  und  von  denen  zween  bren- 
nende Vulkane  sind.  Eine  kleine ,  mit  Cypressen  umge- 
bene, der  heiligen  Jungfrau  de  los  Remedios  geweihte,  Ka- 
pelle hat  den  Tempel  des  Gotts  der  Luft  ersetzt,  und  ein 
Geistlicher  von  indianischem  Stamme  liest  täglich  die  Messe 
auf  dem  Gipfel  dieses  alten  Monuments, 

Zu  Cortes  Zeiten  wurde  Cholula  für  eine  heilige  Stadt 
gehalten.  Niergends  fand  man  eine  gröfsere  Anzahl  von 
Teocalli'sy   nirgends  mehr  Piiester  und  religiöse  Orden, 


—      44      — 

(Tlamacazque)  nirgends  einen  prächtigem  Gottesdienst 
und  gröfsere  Strenge  in  den  Fasten  und  Bufsübungen.  Noch 
jetzt  hat  die  Einführung  des  Christenthums  durch  alle  Sym- 
bole des  neuen  Cultus  das  Andenken  an  den  alten  nicht  ganz 
unter  den  Indianern  zu  vertilgen  vermocht.  Das  Volk  kommt 
haufenweise ,  und  von  weitem  her  auf  den  Gipfel  der  Pyra- 
mide, um  daselbst  das  Fest  der  heiligen  Jungfrau  zu  begehen. 
Ein  heimlicher -Schauder,  eine  religiöse  Ehrfurcht  ergreift 
den  Eingebornen  beim  Anblick  dieser  ungeheuren  ,  mit 
Gesträuchen  und  immer  frischen  Rasen  bedeckten  Mafse. 

Wir  haben  weiter  oben  die grofseAehnlichkeit  zwischen 
der  Bau- Art  dermexicanischen  TcocallVs  und  der  vom  Tem- 
pel des  Bers  oder  Belus  zu  Babylon  bemerkt.  Sie  fiel 
schon  dem  Herrn  Zoega  auf,  ob  er  sich  gleich  keine  andre, 
als  nur  sehr  unvollständige  Beschreibungen  der  Pyramiden- 
Gruppe  Teotibuacan  verschaffen  konnte.  (i}e  Obeliscis , 
S.  380).  Nach  Herodot  ,  welcher  Babylon  besuchte,  und 
den  Tempel  des  Belus  sah,  hatte  dieses  pyramidalische Mo- 
nument acht  Absätze.  Seine  Höhe  betrug  ein  Stadium,  und 
die  Breite  des  Basis  kam  der  Höhe  gleich.  Die  Mauer,  wel- 
che den  äufsern  Raum  bildete ,  (nt^ifiokoi)  hatte  zwei  Sta- 
dien ins  Gevierte.  (Ein  gemeines,  olympisches  Stadium 
betrug  183  Meters;  das  egyptische  aber  nur  98  M,)  (Vincent 
Voyage  de  Nearque^  5,56.)  Die  Pyramide  war  von  Zie- 
geln und  Asphalt  erbaut,  und  hatte  einen  Tempel  (Naos) 
auf  ihrer  Spitze,  und  einen  andern  an  ihrer  Base.  Der  er- 
stere  enthielt,  nach  Herodot,  keine  Statuen,  sondern  nur 
eine  goldene  Tafel  und  ein  Bette,  auf  welchem  eine,  von 
dem  Gott  Belus  ausgewählte,  Frau  ruhte,  (Herodot.  B. 
/.  K,  CLXXXI  —  CLXXXIIJ.)  Dagegen  versichert 
Diodor  von  Sicilien,  dafs  in  dem  obern  Tempel  ein  Altar 
und  drei  Statuen  gestanden  haben,  denen  er,  nach. griechi- 
schen Religionsbegriffen,  die  Namen  des  Jupiters,  der  Juno 
und  der  Rhea  beilegt.    (^Diodorus  Siculus ,  edit,  Wesse- 


-      45     - 

lingiana ,  B.  /.  lih,  II,  S,  123.)  Allein  diese  Bildsäulen 
und  das  ganze  Monument  überhaupt  waren  zu  Diodors  und 
Strabo's  Zeiten  nicht  mehr  vorhanden.  Auch  in  den  mexi- 
kanischen Teocalli*s  unterschied  man ,  wie  in  dem  Tempel 
des  Bei,  das  untere  Naos  von  demjenigen,  welches  sich  auf 
der  Platform  der  Pyramide  befand.  Diese  Unterscheidung  ist 
in  Cortes  Briefen,  so  wie  in  der  Geschichte  der  Eroberung 
durch  Bernal  Diaz,  deutlich  angegeben,  welcher  mehrere 
Monate  lang  in  dem  Pallaste  des  Königs  Axajacatl,  folglich 
dem  Teocalli  des  Huitzilopochtli  gegenüber,  gewohnt  hat. 

Keiner  von  den  alten  Schriftstellern,  weder  Herodot 
noch  Strabo  {Buch,  X/^/,  sir'i ,  noch  Diodor,  noch  Pau- 
sanias  (B.  VIII,  edit  ^yland.  S.  509),  noch  Arrian 
{Buch  VII  ^  17.)  t  noch  Quintus  Curtius  (B-  V,  1  und  37.), 
herichten,  dafs  der  Tempel  des  Belus,  wie  die  egyptischen 
und  mexicanischen  Pyramiden,  nach  den  vier  Weltgegenden 
gerichtet  gewesen  sei.  Nur  PHnius  bemerkt,  dafs  Belus 
für  den  Erfinder  der  Astronomie  gehalten  werde :  inventor 
hicfuit  sideralis  scientiae  (B.  VI.  30.),  und  Diodor  sagt, 
dais  der  babylonische  Tempel  den  Chaldäern  zur  Sternwarte 
gedient  habe.  „Man  stimmt  darin  überein  ,  drückt  er  sich 
„aus,  dafs  dieses  Gebäude  von  einer  aufserordenr liehen  Höhe 
„gewesen ,  ui  d  dafs  die  Chaldäer  auf  demselben  ihre  Beob- 
„achrungen  der  Gestirne  angesellt  haben,  weil  ihr  Auf-und 
„Nieder  Gang  wegen  seiner  Höhe  sehr  genau  gesehen  wer- 
„den  konnte.**  Auch  die  mexikaniscken  Priester {Teopix- 
gui)  beobachteten  oben  auf  ihren  Teocalli's  den  Stand  der 
Gestirne,  und  zeigten  dem  Volk,  mittelst  eines  Horns,  die 
Stunden  der  Nacht  an.  {Gama,  descripcion  cronologica 
de  la  piedra  calendaria.  Mexico  17^2.  S.  15).  Diese 
Teocalli's  wurden  in  dem  Zeitraum  zwischen  Mohameds 
Epoche  und  der  Regierung  Ferdinands  und  Isabellens  aufge- 
führt ,  und  man  sieht  nicht  ohne  Erstaunen ,  dafs  americani- 
sche  Gebäude,  welche  eine  fast  identische  Form  mit  den 


-      46      - 

'ältesten  Monumenten  am  Eaphrat  haben ,  einer  uns  so  na- 
hen Zeit  angehören. 

Betrachtet  man  die  pyramidenförmigen  Denkmale  in 
Egypten,  in  Asien  und  der  neuen  Welt,  aus  Einem  Ge- 
sichtspunkt, so  sieht  man,  dafs  sie,  trotz  der  üebereinstim- 
mung  ihrer  Form,  eine  sehr  verschiedene  Bestimmung  hat- 
ten. Die  Pyramiden-Gruppen  zu  Ghize  und  zu  Sakhara  in 
Egypten;  die  dreieckigte  Pyramide  der  Königin  der  Scy- 
then,  Zarina,  welche  Ein  Stadium  hoch,  drei  breit,  und 
mit  einer  kolossalen  Figur  geziert  gewesen  war  (Diodor, 
Sicul.  B.  II.  K,  X'X'X/^.) ;  die  vierzehn  etrurische  Py- 
ramiden ,  die  in  dem  Labyrinth  des  Königs  Porsenna,  zu 
Clusium,  eingeschlossen  gewesen  seyn  sollen  —  alle  diese 
Monumente  waren  zu  Begräbnifsplätzen  erlauchter  Personett 
erbaut  worden.  Nichts  ist  ja  dem  Menschen  natürlicher,  als 
die  Stelle  zu  bezeichnen,  wo  die  Reste  von  denen  ruhen ^ 
deren  Andenken  ihm  theuer  ist.  Anfangs  sind  es  einfache  Erd- 
haufen ;  in  der  Folge  werden  es  Tumulus  von  staunenerre- 
gender Höhe.  Die  der  Chinesen  und  Thibetaner  sind  nur 
einige  Meters  hoch  {Duhalde ,  Description  de  la  Chine^ 
B,  II,  6".  126,  Asiatick  Researches ,  B.  tl,  S,  3 14.). 
Mehr  nach  Westen  steigen  die  Dimensionen  bereits.  Der 
Tumulus  von  Crösus  Vater,  des  Königs  Alyattes  in  Lydiefli 
hatte  sechs  Stadien,  und  der  von  Ninus  über  2ehn  Stadien  im 
Durchmesser  {Herodot.  L,  I.  K.  K^CIII.  Ctesias  beim 
Biod.  Sic.  B.  II.  K.  VII^,  Im  nördlichen  Europa  finden 
wir  die  Gräber  des  scandinavischen  Königs  Gormus  und  der 
Königin  Daneboda  mit  Erdhügeln  bedeckt,  welche  300  Me- 
ters breit  und  über  30  Meters  hoch  wären.  Dergleichen  Tu- 
Tfiulus  finden  sich  auf  beiden  Halbkugeln,  in  Virginieti 
und  in  Canada,  wie  in  Peru,  wo  zahlreiche  Gallerien  vOri 
Stein  erbaut,  und  unter  sich  durch  Gesenke  in  Verbindung 
stehend,  das  Innere  der  HuacaSj  oder  künstlichen  Htigel, 
einnehmen«    Der  asiatische  Luxus  behielt  die  ursprüngliche 


-      47      - 

Form  dieser  rohen  Monumente  bei,  verstand  sie  aber  zu 
verschönern.  Die  Gräber  von  Pergamus  sind  Kegel  von 
Erde  auf  einer  zirkeiförmigen  Mauer,  die  mit  Marmor  be- 
deckt zu  seyn  scheint  (J2hoiseul  Gouffier^  Voyage  pit- 
toresque  de  la  Grece^  B.  II,  S,  27  —  31.). 

Die  mexicanischen  Teocalli*s  waren  zugleich  Tempel 
und  Gräber,  und  wir  haben  oben  angeführt,  dafs  die  Ebene, 
auf  welcher  sich  die  Häuser  der  Sonne  und  des  Monds  von 
Teotihuacan  erheben,  die  Strafse  der  Todten  genannt 
wurde.  Der  wesentlichste  und  wichtigste  Theil  eines  Teo- 
calli*s  war  jedoch  die  Kapelle,  der  Naos ^  auf  der  Spitze 
des  Gebäudes.  Beim  Beginnen  der  Civilisation  wählen  sich 
die  Völker  erhabene  Orte,  um  ihren  Göttern  zu  opfern, 
und  die  ersten  Altäre  und  Tempel  wurden  auf  Bergen  er- 
richtet. Stehen  diese  Berge  frei  da,  so  giebt  man  ihnen 
gerne  regelmäfsige  Formen,  behaut  sie  in  Absätze,  und 
bringt  Stufen  an,  um  ihren  Gipfel  leichter  zu  besteigen. 
Beide  Continente  liefern  eine  Menge  Beispiele  von  derglei- 
chen, in  Terrassen  abgetheilten,  und  mit  Mauern  von  Ziegeln 
oder  Stein  bekleideten.  Hügeln*  Auch  die  Teocalli's  scheinen 
mir  nicht  anders  zu  seyn,  als  mitten  auf  einer  Ebene  auf- 
geführte künstliche  Hügel,  die  den  Ahären  zur  Basis  dienen 
sollten.  Wirklich  giebt  es  auch  nichts  imposanteres,  al«  ein 
Opfer,  das  von  dem  ganzen  Volk  zugleich  gesehen  werden 
kann  I  —  Ich  mufs  hier  bemerken ,  dafs  die  indosta naschen 
Pagoden  mit  den  mexicanischen  Tempeln  gar  nichts  gemein 
haben.  Die  von  Tanjore,  von  der  wir  dem  Herrn  Daniell 
{Oriental  Scenery»  Kupft.  XVII.)  prächtige  Zeichnungen 
verdanken,  ist  ein  Thurm  von  mehrern  Absätzen;  allein 
der  Altar  befindet  sich  nicht  auf  der  Spitze  des  Gebäudes. 

Die  Pyramide  des  Bei  war  zugleich  der  Tempel  und 
das  Grab  dieses  Gottes.  Strabo  redet  nicht  einmal  davon, 
als  von  -einem  Tempel  ,  sondern  nennt  sie  geradezu  das 
Grabmahl  des  Belus*     Der  Tumulus  (;^«^«)  in  Arcadieo, 


-      48      - 

welcher  die  Asche  der  Callisto  einschlofs,  trug  auf  seiner 
Spitze  einen  Tempel  der  Diana,  und  Pausanias  (ß.  VlII. 
K.  XXXV.)  beschreibt  ihn  als  einen,  von  Menschenhändeii 
gemachten ,  mit  aller  Vegetation  bedeckten ,  Kegel.  Da  ha^ 
ben  wir  also  ein  sehr  merkwürdiges  Monument,  bei  dem  der 
Tempel  blos  eine  zufällige  Verzierung  ist,  und  es  kann 
gleichsam  zum  Uebergang  von  den  Pyramiden  von  Sakhara 
zu  den  mexican Ischen  Teocalli's  dienen. 

{Siehe  meinen  politischen  Versuch  über  das  König» 
reich  Neu-Spanien^  an  verschiedenen  Stellen,) 


Achte  Kupfertafel. 

Abgesonderte  Masse  von  der  Pyramide  von 
->    /  ;  .     Cholula, 

Das  Monument  von  Cholula  ist  dergestalt  mit  Vegeta* 
tion  bedeckt,  dafs  es  sehr  schwer  wird,  die  Bauart  der 
grofsen  Absätze  zu  untersuchen.  Die  spanischen  Gescbicht- 
schreiber  des  16*^^"  Jahrhunderts,  deren  mehrere  Mexico  zur 
Zeit  des  Montezuma,  oder  wenige  Jahre  nach  seinem  Tod, 
besucht  haben,  berichten  zwar,  dafs  das  ganze  Gebäude 
von  Ziegeln  erbaut  seye.  Als  ich  in  der  vatikanischen  Bi- 
bliothek zu  Rom  die  Handschrift  des  Paters ,  Pedro  de  los 
Rios  {Cod,  Fat,  anonym,  N.  3738.  fol.  10.),  durchgieng, 
fand  ich  gleichfalls,  wie  ich  weiter  oben  gemeldet  habe, 
dafs  die  Einwohner  von  Cholula,  einer  alten  Sage  zu  Folge^ 
glaubten,  die  Ziegel,  welche  man  zu  den  TeocalH  gebraucht 
habe,  seyen  in  der  Provinz  Tlalmanalco,  am  Fufs  des  Ber- 
ges Cocotl,  gemacht,  und  durch  Gefangene,  welche  eine 
Verbindungslinie  von  Cocotl  bis  Cholula  gebildet,  von  Hand 
y-  L  zu  Hand  geboten  worden.     Diese  Tradition,  welche  an  das 

fabelhafteste   in   den   arabischen  Mährchen   erinnert,    wird 
auch  bei  den  Peruanern  angetroffen.    Die  Cuzcoer ,  die  sich 

für 


—      49      *- 

für  Bewohner  eines  heiligen  Orts  halten,  versichern  nein« 
lieh,  der  Inca  Tupac  Yupanqui  habe,  nachdem  er  sich  des 
Königreichs  Quito  {Puitu)^  bemächtiget,  ungeheure  Qua- 
dern aus  den  Steinbrüchen  in  der  Nachbarschaft  von  Cuzco 
dahin  bringen  lassen,  um  Sonnentempel  in  dem  neuerober- 
ten Land  zu  erbauen. 

Ich  konnte  die  innere  Bauart  der  Pyramide  von  Cholula 
an  zwey  verschiedenen  Orten  untersuchen;  nemlich  nah© 
beym  Gipfel,  an  der  dem  Vulkan  Popocatepetl  zugekehr- 
ten Seite,  und  an  der  Nordseite,  wo  der  erste  Absatz  durch 
die  neue  Strafse  von  Puebla  nach  Mexico  durchschnitten, 
und  dessen  aufserstes  Ende  von  der  übrigen  Masse  abgeson- 
dert ist»  Die  achte  Tafel  stellt  dieses  abgesonderte  Stück 
dar,  und  man  erkennt  in  demselben  abwechselnde  Lagen 
von  Thon  und  Ziegeln.  Letztere  haben  gewöhnlich  g  Cen- 
timeters  Höhe,  und  40  Centimeters  Lange.  Auch  schienen 
sie  mir  nicht  gebrannt,  sondern  blos  an  der  Sonne  getrock- 
net. Indefs  könnten  sie  doch  leicht  gebrannt  und  durch  die 
Feuchtigkeit  der  Luft  wieder  locker  geworden  seyn.  Viel- 
leicht fehlen  die  Thonlagen,  welche  zwischen  den  Ziegeln 
sind,  in  dem  Innern  der  Pyramide,  an  den  Theilen,  welche 
das  ungeheure  Gewicht  der  ganzen  Masse  tragen,  Heri* 
Zoega  (^de  Obeliscis  pag.  380.)  hat,  aber  mit  Unrecht,  an- 
genommen, dafs  der  Teocalli  von  Cholula  ein  wahres  Cho* 
ma^  ein  nur  von  aufsen  mit  Ziegeln  überzogener,  Erdhau- 
fen seye,  und  auch  schon  Gemelli,  welchen  Robertson  und 
andere  Geschichtschreiber  der  ersten  Classe  weit  gröfseref 
Unrichtigkeit  beschuldigen,  als  er  verdient,  bezeichnet  die- 
ses Gebiiude  mit  dem  Namen  einer  Pyramide  von  Erde  (Giro 
del  Mondo.  T,  VI.  pag.  135.). 

Die  Bauart  des  Teocalli's  erinnert,  Wie  wir  oben  be- 
merkt haben,  an  die  ältesten  Monumente,  zu  welchen  die 
Geschichte  der  Civllisation  unserer  Gattung  hinauf  reicht. 
Der  Tempel  des  Jupiter  Belus,  welchen  die  Mythologie  der 
Humholdt'spitt.Ans.d.CordilL  4,^ 


-      50      — 

Indus  mit  dem  Namen  des  Bali  zu  bezeichnen  scheint  (  Fra 
Paolino  de  S.  Bartolomeo ,  Viaggio  alle  Indie  orien- 
tali,  pag.  241.),  die  Pyramiden  von  Menschich  Dagschur, 
und  mehrere  aus  der  Gruppe  von  Sakhara  in  Egyptei),  wa- 
ren auch  nichts  anders,  als  unermefsliche  Ziegelhaufen, 
wovon  «ich  die  Ueberbleibsel  dreifsig  Jahrhunderte  hindurch 
bis  auf  unsere  Zeit  erhalten  haben. 


Neunte  Kupfertafel. 

Denkmal  von  ^ochicalco. 

Das  merkwürdige  Monument,  von  welchem  diese  Kup- 
fertafel ein,  mit  Bildhauerei  bedecktes,  Bruchstück  zeigt, 
wird  in  dem  Lande  selbst  für  ein  militairisches  Monument 
gehalten.  Südöstlich  von  der  Stadt  Cuernavacca  (dem  ehe- 
maligen Quauhnahuac,  auf  dem  westlichen  Abhang  der  Cor- 
dillera  von  Anahuac,  in  jener  glücklichen  Kegion  ^  welche 
de  Bewohner  mit  dem  Namen  tierra  templade  (gemUfsigte 
Region)  bezeichnen  ,  weil  daselbst  ein  ewiger  Frühling 
herrscht,  erhebt  sich  ein  isolirter  Hügel,  der  nach  den  ba- 
rometrischen Messungen  des  Herrn  Alzate  117  Meters  Höhe 
über  seiner  Base  hat.  Dieser  Hügel  liegt  der  Strafse,  \on 
Cuernavacca  nach  dem  Dorf  Miacatlan ,  westlich.  Die  In- 
dianer nennen  ihn  in  der  mexicanischen  oder  aztekischen 
Sprache  ICochicalco  oder  das  Haus  der  Blumen.  Wir 
werden  in  Verfolg  dieser  Nachrichten  finden,  dafs  die  Ety- 
mologie dieses  Namens  eben  so  ungewifs  ist,  als  die  Zeit 
der  Erbauung  dieses  Monuments,  welches  man  denTolteken 
zuschreibt.  Diese  Nation  ist  für  die  mexicanischen  Alter- 
tbumsforscher  eben  das,  was  die  Pelasgischen  Colonisten 
lange  für  die  italienischen  gewesen  sind.  Alles  was  sich 
in  das  Dunkel  der  Zeiten  verliert,  wird  als  Werk  eines 
Volks  angesehen,  bei  dem  man  die  ersten  Keime  der  Civi- 
lisation  zu  finden  glaubt. 


,      _:     ,  —      51      — 

Der  Hügel  von  Xochicalco  ist  ein^  Masse  von  Felsen, 
welcher  die  Hand  des  Menschen  eine  sehr  regelmafstge  ko- 
nische Form  gegeben  hat,  und  die  in  fünf,  tnit  Mauerwerk 
bedeckte,  Absätze  oder  Terassen  abgetheilt  ist.  Diese  Ab- 
sätze haben  ungefähr  20  Meters  senkrechter  Höhe.  Sie  wer- 
den gegen  den  Gipfel  zu  schmäler,  wie  an  den  Teocalli's 
oder  aztekischen  Pyrahfiideh,  welche  oben  mit  einem  Altar 
geziert  waren;  Alle  Terrassen  sind  gegen  Südwest  abhän- 
gig, vielleicht  um  das  Ablaufen  des  Wassers  zu  erleichtern, 
weil  in  dieser  Gegend  häufig  Regen  fällt.  Der  Hügel  ist  mit 
einem  ziemlich  tiefen,  und  sehr  breiten  Graben  umgeben, 
so  dafs  die  ganze  Verschanzung  über  4000  Meters  Umfang 
hat.  üebrigens  darf  man  sich  über  die  Gröfse  dieser  Dimen- 
sionen nicht  wundern;  dehn  Hr.  Bonpland  ühd  ich,  wir  ha- 
ben auf  dem  Kücken  der  Cordilleren  von  Peru,  und  auf  ei- 
ner Hühe^  welche  der  des  Piks  von  Teneriffa  beinahe  gleich 
kommt  5  hoch  weit  ansehnlichere  Monumente  gefunden. 
Auch  auf  den  Ebenen  von  Canada  befinden  sich  Vertheidi* 
gungslinien  und  Verschanzungen  von  äufserördentlichfer 
Länge.  Alle  diese  americänischeh  Werke  gleichen  denjeni- 
gen, welche  man  täglich  in  dem  östlichen  Asien  entdeckt  t 
wo  Völker  von  mongolischer  Ra^e,  besonders  solche^  die 
in  der  Civilisation  am  vveitesten  fortgeschritten  waren, 
Mauren  erbaut  haben,  durch  welche  ganze  Provinzen  von 
einander  getrennt  werden. 

Der  Gipfel  des  Hügels  von  Xochicalco  bildet  eine  läng- 
lichfe  Plattform,-  welche  von  Norden  nach  Süden  72  Meters, 
und  von  Osten  nach  Westen  86  Meters  Lange  hat.  Sie  ist 
mit  einer  über  zwey  Meter  hohen  Mauer  von  gehauenen 
Steinen  umgeben  ,  die  den  Streitern  zur  Vertheidigung 
diente.  In  der  Mitte  dieses  geräumigen  Waffenplatzes  fin- 
den sich  die  Reste  eines  Pyramidal-Monuments  von  fünf 
Absätzen,  das,  in  Ansehung  der  Form,  mit  den  oben  be- 
schriebenen TeocallPs  übereinkommt.    Nur  der  erste  Absatz 

4.. 


—      52      — 

davon  hat  sich  erhalten,  und  von  diesem  liefern  wir  die 
Zeichnung  auf  der  neunten  Kupfertafel,  Die  Eigenthümer 
einer  benachbarten  Zuckersiederey  waren  roh  genug,  die 
Pyramide  dadurch ,  dafs  sie  die  Steine  zum  Bau  ihrer  Oefen 
davon  abrifsen,  zu  zerstören.  Die  Indianer  von  Tetlama 
versichern,  dafs  noch  1750  alle  fünf  Absätze  vorhanden  ge- 
wesen; und  man  kann,  dem  Maafs  der  ersten  Stufe  nach, 
annehmen ,  dafs  das  ganze  Gebäude  20  Meter  hoch  war. 
Seine  Seiten  sind  genau  nach  den  vier  Weltgegenden  ge- 
richtet. Die  Grundfläche  dieses  Gebäudes  hat  20  "^,  7  Länge 
und  17  ™,  4  Breite.  Es  ist  ein  sehr  auffallender  Umstand , 
dafs  man  keine  Spur  von  einer  Treppe,  die  auf  den  Gipfel 
der  Pyramide  führte,  entdeckt;  unerachtet  man  ehmals 
doch  einen  steinernen,  mit  Hieroglyphen  verzierten,  Sessel 
{Ximotlalli)  auf  derselben  gefunden  haben  will. 

Die  Reisenden,  welche  dieses  Werk  der  Ureinwohner 
von  America  in  der  Nähe  untersucht  haben,  können  sich 
nicht  genug  über  die  Politur  und  das  Bebauen  der  Steine, 
über  die  Sorgfalt,  mit  der  solche  an  einander  gefügt  sind, 
ohne  dafs  die  Fugen  mit  Mörtel  ausgefüllt  wären ,  und  über 
die  Ausführung  der  Reliefs  an  den  Absätzen  wundern.  Jede 
Figur  nimmt  mehrere  Steine  zugleich  ein ,  und.  weil  die  Um- 
rifse  durch  die  Fugen  nicht  unterbrochen  sind ,  so  darf 
man  annehmen ,  dafs  die  Reliefs  erst  nach  Vollendung  des 
Gebäudes  eingehauen  wurden.  Unter  den  hieroglyphischen 
Verzierungen  der  Pyramide  von  Xochicalco  bemerkt  man 
Crocodils- Köpfe,  welche  Wasser  speyen,  und  Figuren  von 
Menschen,  die,  nach  der  Weise  mehrerer  asiatischer  Völ- 
ker, mit  gekreuzten  Beinen  sitzen.  Erwägt  man  nun,  dafs 
sich  das  Gebäude  auf  einem ,  über  1300  Meter  hoch  gelege- 
nen, Plateau  befindet,  und  dafs  die  Crocodile  sich  nur  in 
den  Flüssen ,  nahe  an  der  Seeküste,  aufhalten,  so  mufs  man 
erstaunen,  dafs  der  Architekt,  statt  Thiere  und  Pflanzen, 
welche  bergbewohnenden  Völkern  bekannt  sind,  zu  wäh- 


--      53      — 

len ,  jiur  Verzierung  dieser  Reliefs  die  riesenförmigen  Ge- 
schöpfe der  heifsen  Zone^  besonders  ausgesucht  bat.      Der 
Graben,  womit  dieser  Hügel  umgeben  ist,  die  Bekleidung 
der  Absätze,  die  grofse  Anzahl  Gemächer,  welche  auf  der 
Nordseite  in  den  Felsen  gehauen  sind,   die  Mauer,    die  die 
Annäherung  an  die  Plattform  verhindert,  alles  diefs  giebt  dem 
Monument  von  Xochicalco  den  Karakter  eines  militairischen 
^Monuments.     Auch  bezeichnen  die  Eingebornen  die  Pyra- 
mide, welche  sich  in  der  Mitte  der  Plattform  erhob,  noch 
heutzutag  mit  einend  dem  Wort  Castell  oder  Citadelle  gleich 
bedeutenden  Ausdruck.     Die  grofse  Uebereinstimmung  der 
Form   zwischen   dieser  vermeintlichen  Pyramide   und  den 
Häusern  der  aztekischen  Götter  (Teocallis)  führt  mich 
auf  die  Vermuthung,  dafs  der  Hügel  von  Xochicalco  nichts 
anders,  als  ein  befestigter  Tempel  war.    Auch  die  Pyra- 
mide des  Mexitil,  oder  der  grofse  Tempel  von  Tenochtitlan, 
enthielt  ein  Arsenal  in  seinem  Bezirk,  und  diente  während 
der  Belagerung  bald  den  Mexicanern ,  bald  den  Spaniern  als 
Fort.     Gleichfalls   belehren  uns   die  heiligen   Bücher   der 
Ebräer,   dafs,   in  den  ältesten  Zeiten,   die  Tempel  Asiens, 
wie  zum  Beispiel  der  des  Baal  Berith  zu  Sichern,   in  Ca- 
naan ,  dem  Gottesdienst  gewidmete  Gebäude  und  zugleich 
Verschanzungen  waren,  worinn  sich  die  Einwohner  einer 
Stadt  gegen  den  Angrif  ihrer  Feinde  in  Sicherheit  setzten. 
Nichts  ist  ja  den  Menschen  auch  wirklich  natürlicher,  als  die 
Orte  zu  befestigen,  in  welchen  sie  die  Schutzgötter  des  Va^ 
terlands  aufbewahren;    nichts  beruhigender  für  sie,   wenn 
das  gemeine  Wesen  in  Gefahr  ist ,  als  sich  zu  den  Füfsen  der 
Altäre  zu  flüchten,  und  unter  ihrem  unmittelbaren  Schutze 
zu  streiten  I    Bei  Völkern ,  deren  Tempel  eine  der  ältesten 
Formen,  die  der  Pyramide  des  ßelus,  beibehalten  hatten, 
entsprach   die  Beschaffenheit  des  Gebäudes  dem  doppelten 
Gebrauch  zum  Gottesdienst  und  zur  Vertheidigung  vortref- 
lichj  bei  den  griechischen  Tempeln  aber  konnte  allein  die 


•^      54      -^ 

Mauer,  welche  den  Peribolos  bildete,  den  Belagerten  zum 
Zufluchtsorte  dienen. 

Die  Einwohner  des  benachbarten  Dorfs  Tetlama  besitzen 
eine ,  yoF  der  Ankunft  der  Spanier  verfertigte ,  geographische 
Karte,  der  man  seit  der  Eroberung  einige  Namen  beigefügt 
hat.  Auf  derselben  findet  man  an  der  Stelle,  wo  das  Monu- 
ment von  Xochicalco  steht,  die  Figur  von  zwei  Kriegern, 
welche^mit  Keulen  streiten ,  und  von  denen  der  eine  Xo- 
chicatli,  der  andere  Xicatetli  genannt  ist.  Wir  folgen  hier 
den  etymologischen  Untersuchungen  der  mexicanischen  Al- 
terthumsforscher  nicht,  um  zu  erfahren,  ob  einer  von  diesen 
Kriegern  dem  Hügel  von  Xochicalco  seinen  Namen  gegeben 
habe,  oder  ob  das  Bild  der  beiden  Streiter  blos  eine  zwi- 
schen zwei  benachbarten  Nationen  gelieferte  Schlacht  bedeu- 
te: oder  endlich,  ob  dieses  Monument  die  Benennung,  üfaz/^ 
der  Blumen  y  darum  erhalten  habe,  weil  die  Tolteken, 
gleich  den  Peruanern  ,  der  Gottheit  keine  andre  Opfer  brach- 
ten, als  Blumen,  Früchte  und  Weihrauch.  Bei  Xochicalco 
fand  man  voi-  20  Jahren  auch  einen  einzelnen  Stein,  worauf 
ein  Adler,  der  einen  Sclaven  zerfleischt,  in  erhabener  Ar- 
beit vorgestellt  war,  welches  Bild  ohne  Zweifel  auf  einen 
Sieg  anspielte,  den  die  Azteken  über  irgend  eine  angränzende 
Nation  davon  getragen  habt-n. 

Die  Zeichnung  des  Reliefs  an  dem  ersten  Absatz  ist  nach 
einem  Kupferstich  gettiacht  worden  ,  welchen  Herr  Aizate 
1791.  davon  in  Mexico  herausgab.  Ich  habe  nicht  Gelegen- 
heit gehabt,  dieses  merkwürdige  Monument  selbst  zu  besu- 
chen. Denn  als  ich  über  das  Südmeer  in  Neu-Spanien  an- 
gekommen war,  und  im  Monat  April  1803.  von  Acapulco 
nach  Cuernavacca  gieng,  war  mir  das  Dasein  des  Hügels  von 
Xochicalco  unbekannt,  und  ich  bedaure  sehr,  dafs  ich  d\ei 
Beschreibung,  welche  Herr  Azate,  correspondirendes  Mitglied 
der  Pariser  Academie  der  Wissenschaften,  davon  gemacht 
hat,  nicht  nach  eigener  Ansicht  bestätigen  konnte.    Weil 


^     55     — 

der  Tafel  IX.  kein  Mafsstab  beygefügt  Ist,  so  mufs  ich  bot 
merken ,  dafs  die  Figuren ,  welche  mit  gekreuzten  Beinen 
sitzen,  eine  Höhe  von  i,*"  03  haben.  iDescripcion  de  las 
Antiguidades  de  ^ochicalco  ^  por  Don  Joseph  Antonio 
Alzate  y  Ramirez;  Mexico^  iTQr«  Siele  auch  eine,  seit 
meiner  Rückkehr  von  einem,  sehr  unterrichteten,  Jesuiten, 
Pedro  Marquez  herausgegebene  Abhandlung  ,  welche  den 
Titel  führt:  (Due  antichi  Monumentl  di  architettura 
messicana  illustrati  da  Pietro  Marquez  ;  Roma<,  1804» 


Zehnte    Kupfertafel. 
Vulcan  von    Cotopaxi, 

Weiter  oben  habe  ich,  bei  der  Beschreibung  des  Thals 
von  Icononzo,  bemerkt,  dafs  die  ungeheure  Höhe  der  Pla- 
teau*s,  welche  die  hohen  Gipfel  der  Cordilleren  umgeben  , 
bis  auf  einen  gewifsen  Grad  den  Eindruck  mindere  ♦  den 
diese  grofsen  Massen  in  der  Seele  eines ,  an  die  majestäti- 
schen Scenen  der  Alpen  und  Pyrenäen  gewöhnten ,  Reisenden 
zurücklassen.  In  der  That  geben  auch  nicht  sowohl  die  ab- 
solute Höhe  der  Berge,  als  vielmehr  ihr  Ansehen,  ihre 
Formen  und  ihre  Gruppirung  der  Landschaft  einen  besondern 
Karakter. 

Diese  Physiognomie  der  Gebirge  habe  ich  in  einer 
Reihe  von  Zeichnungen  darzustellen  gesucht,  wovon  einige 
schon  in  dem  geographischen  und  physischen  Atlas  erschie- 
nen sind ,  der  meinen  Versuch  über  das  Königreich  Neu» 
Spanien  begleitet.  Es  schien  mir  für  die  Geologie  sehr  wich- 
tig ,  die  Gebirgsformen  in  den  entlegensten  Theilen  der 
Erde  ebenso  vergleichen  zu  können,  wie  man  die  Formen 
der  Vegetabilien  aus  verschiedenen  Climaten  vergleicht.  Zu 
diesem  grofsen  Geschäfte  sind  noch  sehr  wenige  Materialien 
gesammelt ,   auch   ist  es  ohne  Hülfe   geodesis^^^^  Instr^- 


-      56      - 

mente ,  mit  welchen  man  sehr  kleine  Winkel  messen  kann, 
beinahe  unmöglich ,  die  Umrifse  mit  einer  grofsen  Genauig- 
keit zu  bestimmen.  Zur  nemÜchen  Zeit,  da  ich  mich  auf 
der  südlichen  Hemisphäre,  und  auf  dem  Rücken  der  Anden- 
Cordillera  mit  dergleichen  Messungen  beschäftigte,  zeichnete 
JHerr  Osterwald  ,  mit  Hülfe  des  vorzüglichsten  Geometers, 
Herr  Tralles,  nach  einer  analogen  Methode,  die  Kette  der 
Schweizer- Alpen ,  so  wie  sie  sich ,  von  den  Ufern  des  Neu- 
burger-Sees  aus  betrachtet,  darstellen.  Diese  kürzlich  er- 
schienet'e  Ansicht  ist  so  genau,  dafs  man,  da  die  Entfernung 
der  Spitzen  von  einander  bekannt  ist,  ihre  relative  Höhe 
durch  blofse  Berechnung  des  Maafses  der  Umrisse  der  Zeich- 
nung finden  würde.  Herr  Tralles  bediente  sich  dabei  eines 
Kepetitions-Zirkels ;  ich  nahm  hingegen  die  Winkel ,  mit- 
telst welcher  ich  die  Gröfse  der  verschiedenen  Theile  eines 
Bergs  bestimmte,  mit  einem  Sextanten  von  Ramsden  auf 
dessen  Rand  mit  Sicherheit  6  bis  8  Secunden  anzeigte.  Wie- 
derholte man  diese  Arbeit  von  Jahrhundert  zu  Jahrhundert, 
so  würde  man  am  Knde  zur  Kenntnifs  der  zufälligen  Ver- 
änderungen gelangen  ,  die  die  Oberfläche  der  Erdkugel  er- 
leidet. In  einem  Land,  welches  Erdbeben  unterworfen  und 
durch  Vulkane  umgekehrt  ist,  hält  die  Auflösung  der  Frage 
sehr  schwer;  ob  die  Berge  sich  senken,  oder  sich  durch  die 
ausgeworfene  Asche  und  Schlacken  unmerklich  erhöhen? 
Blofse  Höhenwinkel  auf  bestimmten  Punkten  genommen  > 
würden  diese  Frage  weit  besser,  als  eine  vollständige  trigono- 
metrische Messung,  aufklären,  deren  Resultat  den  doppelten 
Verstössen,  die  man  beim  Messen  der  Basis,  und  der  schie- 
fen Winkel  machen  kann,  ausgesetzt  ist. 

Vergleicht  man  die  Physiognomie  der  Gebirge  auf  beiden 
Continenten  ,  so  £ndet  man  eine  Uebereinstimmung  der 
Form,  die  man  nicht  erwarten  zu  dürfen  glauben  sollte > 
wenn  man  das  Zusammenwirken  der  Kräfte  bedenkt,  welche 
in  der  Urwelt  stürmisch  auf  die  weiche  überfläche  unsers 


—      57      — 

Pianeten  gedröckt  haben.  Das  vulkanische  Feuer  wirft  Ke- 
gel von  Asrhe  und  Bimsstein  auf,  oder  es  macht  sich  durch 
einen  Krater  Luft;  Blasen  ,  die  ganzen  Domen  oder  Glocken 
von  aufserordentlicher  Gröfse  gleichen,  scheinen  blos  durch 
die  Ausdehnungskraft  der  elastischen  Dünste  zu  entstehenl; 
Erdbeben  haben  ganze  Lagen  von  Meerschnecken  aufgetrie- 
ben oder  wieder  verschlungen  ;  SeestrÖme  durchfurchten  den 
Grund  der  Becken,  welche  gegenwärtig  die  zirkeiförmigen 
Thäler,  oder  die,  mit  Bergen  umgebene,  Plateau's  bilden. 
Jede  Gegend  der  Erde  hat  ihre  eigene  Physiognomie;  aber 
mitten  unter  diesen  karackteristischen  Zügen  ,  die  den  An- 
blick der  Natur  so  reich  und  so  abwechselnd  machen  ,  über- 
rascht uns  die  Aehnlichkeit  der  Form,  welche  sich  auf  die 
Uebereinstimmungder  Ursachen  und  Lokal-ümstUnde  grün- 
det. Wenn  man  zwischen  den  canarischen  Inseln  hinschtfft, 
und  die  Basaltkegel  von  Lanzerota,  Alegranza  und  la  Gra- 
tiosa  betrachtet,  so  glaubt  man  die  Gruppe  der  euganeischen 
Berge,  oder  die Trapp-Gebirge  von  Böhmen  zu  sehen.  Die 
Granite,  die  mit  Glimmer  vermischten  Schiefer,  die  alten 
Sandsteine ,  die  Kalkformationen  ,  welche  die  Mineralogen 
mit  den  Namen,  Formationen  der  Jura,  der  Hochalpen 
oder  Uebergangs-Kalkstein  bezeichnen,  geben  dem  Um- 
rifs  der  grofsen  Mafsen,  dem  wilden  Kamm  der  Anden,  der 
Pyreneen  und  des  Urals  einen  eigenthümlichen  Karakter. 
_yeberall  hat  die  Beschaffenheit  der  Felsen  die  'äufsere  Form 
der  Berge  bestimmt* 

Der  Cotopaxi,  dessen  Gipfel  die  zehente  Kupfertafel  voir- 
stellt,  ist  der  höchste  unter  denjenigen  Vulkanen  der  Anden, 
welche  in  neuern  Zeiten  Ausbrüche  gemacht  haben.  Seine 
absolute  Höhe  beträgt  5,754»  Meter,  (2952  Toisen).  Sie  ist 
demnach  doppelt  so  grofs  als  die  des  Canigu,  und  achthun- 
dert Meters  gröfser,  als  die  des  Vesuvs  seyn  würde,  wenn 
man  ihn  auf  den  Gipfel  des  Picks  von  Teneriffa  stellte. 
Auch  ist  der  Cotopaxi  der  gefürchtetste  unter  allen  Vulkanen 


—      58      - 

des  Königreichs  Quito,  weil  seine  Ausbrüche  immer  am 
häufigsten  und  verwüstendsten  waren.  Betrachtet  man  die 
Mafse  von  Schlacken,  und  die  Felsenstücke,  welche  dieser 
Vulkan  ausgeworfen  hat ,  und  womit  die  benachbarten  Thä- 
jer,  in  einem  Umkreis  von  mehrern  Quadratmeilen,  bedeckt 
sind,  so  mufs  man  glauben,  dafs  sie  zusammengenommen 
einen  colossalen  Berg  bilden  würden.  Im  Jahr  1738.  erho- 
ben sich  die  Flammen  des  Cotopaxi  900  Meters  über  den 
Rand  des  Kraters.  Im  Jahr  1744  wurde  sein  Brüllen  in  ei- 
ner Entfernung  von  200  gemeinen  Meilen  zu  Honda ,  einer 
am  Magdalenen-Flufs  gelegenen  Stadt  gehört.  Den  4  April 
1768.  war  die  Menge  der,  aus  seiner  Mündung  ausgestofse- 
nen  ,  Asche  so  grofs,  dafs  in  den  Städten  Hatnbato  und  Ta- 
cunga  die  Nacht  bis  3  Uhr  Mittags  dauerte,  und  die  Ein- 
wohner mit  Laternen  auf  den  Strafsen  gehen  mufsten.  Der 
Explosion  im  Monat  Januar  1803  giengein  schreckliches  Phä- 
nomen voraus,  nemlich  das  plötzliche  Schmelzen  des  Schnees, 
womit  der  Berg  bedeckt  ist.  Seit  mehr  als  2,0  Jahren  war 
kein  Rauch,  kein  sichtbarer  Dunst  aus  dem  Krater  aufge- 
stiegen, und  in  einer  einzigen  Nacht  wurde  das  unterirrdi- 
sche  Feuer  plötzlich  so  wirksam,  dafs  schon  beim  Aufgang 
der  Sonne  die  äufsere  Wände  des  Kegels,  die  ohne  Zweifel 
bis  zu  einer  sehr  kalten  Temperatur  hinauf  reichten  ,  sich 
nackt  und  schwarz,  also  in  der  eigenthümiichen  Farbe  der 
verglasten  Schlacken  ,  zeigten.  Im  Hafen  von  Gw^yaquil, 
52  Meilen  in  gerader  Linie  vom  Rande  des  Kraters,  härten 
wir  Tag  und  Nacht  das  Brüllen  des  Bergs,  gleich  dem  wie- 
derholten Abfeuern  einer  Batterie;  und  wir  unterschieden 
dieses  schröckliche  Getöse  selbst  auf  der  Süd-See,  südwest- 
lich von  der  Insel  de  la  Puna,  noch. 

Der  Cotopaxi  liegt  der  Stadt  Quito  südsüd-östlich  ,  in 
einer  Entfernung  von  12  Meilen  zwischen  dem  Gebirg  von 
Ruminavi  ,  defsen  Kamm  ,  in  kleine  isojirre  Felsen  ausge- 
zackt, sich  wie  eine  ungeheure  hohe  Mauer  hinstreckt,  und 


\ 


—       59       — 

dem  Quelendana,  der  in  die  Gränzen  des  ewigen  Schnees 
hinaufreicht.  In  diesem  Theil  der  Anden  trennt  ein ,  der 
Länge  nach  laufendes,  Thal  die  Cordilleren  in  zwei  parallele 
Ketten.  Der  Grund  dieses  Thals  ist  noch  3000  Meter  über 
die  Fläche  des  Oceans  erhaben ;  daher  denn  auch  der  Chim- 
borazo  und  der  Cotopaxi,  von  den  Plateau's  von  Lican  und 
IVlulalo  aus  betrachtet,  nicht  höher  als  der  Col  de  G6ant  und 
du  Cramont,  welche  Hr.  Saussure  gemessen  hat,  zu  seyn 
scheinen.  Da  man  Ursache  hat,  anzunehmen ,  dafs  die  Nähe 
des  Oceans  zu  Unterhaltung  des  vulcanischen  Feuers  bei- 
trage, so  sieht  der  Geologe  mit  Ueberraschung,  dafa  die 
thUti<^sten  Vulcane  des  Königreichs  Quito,  der  Cotopaxi,  der 
Tungurahua  und  der  Sangay  der  östlichen  und  somit  der 
von  den  Küsten  entferntesten,  der  Anden-Kette,  angehören. 
Alle  Piks,  welche  die  westliche  Cordillera  krönen,  schei- 
nen, mit  Ausnahme  des  einzigen  Rucu-Pichincha,  VulcauCj^ 
die  seit  einer  langen  Reihe  von  Jahrhunderten  erloschen  sind; '  j 
der  Berg  hingegen,  von  dem  wir  eine  Zeichnung  geben, 
und  der  2*^  2'  von  den  nächstgelegenen  Küsten ,  der  von  Es^ 
meralda  und  der  Baye  von  Santa-Mateo  entfernt  ist,  wirft 
periodisch  Feuergarben  aus,  und  verwüstet  die  umliegenden 
Ebenen,  j  ' 

Der  Cotopaxi  hat  die  schönste  und  regelmäfsigste  Form 
unter  allen  colossalen  Spitzen  der  hohen  Anden.  Er  ist  ein 
vollkommener  Kegel ,  welcher ,  mit  einer  Ungeheuern  Lage 
Schnees  bedeckt,  bei  Sonnenuntergang  in  blendendem  Glän- 
ze strahlt,  und  sich  auf  dem  aziinen  Himmels  -  Gewölbe 
mahlerisch  heraushebt.  Dieser  Schneemantel  verbirgt  dem 
Aui^e  des  Beobachters  auch  die  kleinsten  Unebenheiten  des 
Bodens.  Keine  P'elsenspitze,  keine  Steinmasse  ragt  aus  die- 
sem ewigen  Eis  hervor,  um  die  regelmäfsige  Kegel -Figur 
2u  unterbrechen.  Der  Gipfel  des  Cotopaxi  gleicht  dem  Zu- 
ckerhut (jjan  de  azucar) ,  womit  sich  der  Gipfel  des  Piks^    ; ; 

5     •':'(' 


n 


--        66        — 

von  Teyde  endiget,   sein  Kegel  ist  aber  sechsmal  so  hoch, 
als  der  grofse  Vulcan  auf  Teneriffa. 

Bios  am  Rande  des  Kraters   nimmt  man  Felsenbänke 
wahr,  die  sich  mit  Schnee  bedecken,  und  von  weitem  wie 
dunkelschwarze  Streifen  ausnehmen.     Wahrscheinlich  sind 
der  jähe  Abhang  dieses  Theils   des  Kegels  und   die  Spal- 
ten,   aus   denen   Ströme    heifser  Luft   hervordringen,    die 
»  Ursachen  dieses   Phänomens,     Der  Krater  ist,    gleich  dem 
des  Piks   auf  Teneriffa,    mit   einer  kleinen   zirkeiförmigen 
Mauer  eingefafst,  welche,  durch  gute  Ferngläser  betrachtet, 
sich  wie  eine   Brüstung   darstellt.     Am  deutlichsten  sieht 
man  sie  an  dem  südlichen  Abhang,  wenn  man  auf  dem  Lö- 
X-  K  J  wenberg  (Puma-Urcu),  oder  an  den  Ufern  des  kleinen  Sees 
1  '\      von  Yuracoche  steht.     Um  diesen  eigenthümlichen  Bau  des 
^ '  '      Vulcans  kennen  zu  lernen,  habe  ich  unten  auf  der  Kupfertafel 
die  Ansicht  vom  mittäglichen  Rande  des  Kraters  beigefügt^ 
so  wie  ich  sie  an  den  Granzen  des  ewigen  Schnees,   (auf 
einer  absoluten  Höhe  von  4411  Meters)  zu  Suniguaicu,  auf 
dem  Rande  des  Porphyr-Gebirgs ,  welches  den  Cotopaxi  mit 
\      dem  Nevado  von  Quelendaria  verbindet,  gezeichnet  habe. 

Der  kegelförmige  Theil  des  Piks  von  Teneriffa  ist  sehr 
zugänglich;  er  erhebt  sich  mitten  aus  einer,  mit  Bimsstein 
^^\  bedeckten.  Ebene,  auf  welcher  einige  Büsche  von  spartium 
•  supranuhium  wachsen.     Klettert  man  dagegen  auf  den  Vul- 
can von  Cotopaxi,  so  ist  es  sehr  schwer,  die  untere  Gränze 
des  ewigen  Schnees  zu  erreichen.  Wir  haben  diese  Schwie- 
rigkeit bei  einer  Excursion,   welche  wir  im  Monat  Mai  des 
Jahrs  1802  gemacht  haben,  erfahren.    Der  Kegel  ist  mit  tie- 
fen Spalten  umgeben,   die  bei  Ausbrüchen  dem  Rio  Napo 
und  Rio  de  los  Alaques  Schlacken,  Bimsstein,  Wasser  und 
Eisschollen  zuführen.   Hat  man  den  Gipfel  des  Cotopaxi  in 
der  Nähe  untersucht,  so  kann  man  beinahe  behaupten,  dafs  es 
unmöglich  ist,  bis  an  den  Rand  seines  Kraters  zu  gelangen. 
Je  regelmafsiger  die  Form  von  dem  Kegel  dieses  Vulcans 


—      6i      — 

ist,  desto  mehr  überrascht  es,  auf  der  südwestlichen  Seite 
eine  kleine^  in  Schnee  halb  begrabene,  und  in  Spitzen  aus- 
gezackte felsenmasse  zu  finden,  welche  die  Eingebornen 
den  Kopf  des  Inca  nennen.  Der  Ursprung  dieser  seltsamen 
Benennung  ist  sehr  ungewifs.  Im  Lande  selbst  läuft  eine 
Volkssage,  nach  welcher  dieser  isolierte  Fels  ehemals  einen 
Theil  vom  Gipfel  des  Cotopaxi  ausgemacht  hat,  und  die 
Indianer  versichern ,  dafs  der  Vulcan ,  bei  seinem  ersten 
Ausbruch ,  eine  Steinmasse  weit  von  sich  geschleudert  habe, 
die,  gleich  dem  Obertheil  einer  Glocke  oder  eines  Doms, 
die  ungeheure  Höhlung  bedeckte,  welche  das  unterirdische 
Feuer  einschliefst.  Einige  behaupten,  diese  Catastrophe 
habe  sich  kurze  Zeit  vor  dem  Einfall  des  Inca  Tupac  Yupan- 
qui  in  das  Königreich  Quito  ereignet,  und  das  Felsenstück, 
welches  man  auf  der  loten  Tafel  zur  Linken  des  Vulcans 
bemerkt ,  sey  darum  der  Kopf  des  Inca  genannt  worden , 
weil  sein  Fall  eine  unglückliche  Vorbedeutung  von  dem  Tode 
des  Eroberers  gewesen  sey.  Andere,  noch  leichtgläubige- 
re, versichern  hingegen,  diese  Masse  von  Porphyr,  mit  ei- 
ner Grundlage  von  Pechstein,  seye  durch  eine  Explosion 
verrückt  worden ,  die  in  dem  nemlichen  Augenblick,  da  der 
Inca  Atahuallpa  von  den  Spaniern  zu  Caxamarca  erdrosselt 
wurde,  erfolgte.  Es  scheint  in  der  That  ziemlich  gewifs, 
dafs  sich  ein  Ausbruch  des  Cotopaxi  zur  nemlichen  Zeit  er- 
eignete, da  das  Armee- Corps  des  Pedro  Alvarado  von  Puer- 
to Viejo  nach  dem  Plateau  von  Quito  zog;  obgleich  Piedro 
de  Cieca  (Chronica  del  Peru,  1554.  Cap.  XLI.  Fol.  109.) 
und  Garcilasso  de  la  Vega  (  Comentarios  Reales ,  lib.  IL 
c.  a,  T.  II.  p.  59.),  nur  sehr  unbestimmt  von  dem  Berg  re- 
den ,  welcher  Asche  ausgeworfen  hat,  durch  deren  plötzli- 
ches Niederfallen  die  Spanier  erschreckt  wurden.  Um  aber 
der  Meinung  beizupflichten,  dafs  erst  um  diese  Zeit  der, 
Caheza  del  Inca  genannte,  Fels  seinen  gegenwärtigen 
Platz  eingenommen  habe,   müfste  man  voraussetzen,  dafs 


'S 


—      6a      — 

der  Cotopaxi  keine  ältere  Ausbrüche  gehabt  habe ;  welche 
Voraussetzung  jedoch  um  so  unrichtiger  ist,  da  ^ie  Mauern 
an  dem,  von  Huayna  Capac  erbauten,  Pallast  des  Inca  zu 
Gallo,  Steine  von  vulcanischem  Ursprung  enthalten,  die  der 
Cotopaxi  ausgeworfen  hat.  Wir  werden  an  einem  ändern 
Ort  die  wichtige  Frage  untersuchen,  ob  es  wahrscheinlich 
seye,  dafs  der  Vulcan  damals  schon,  als  sich  das  unterirdi- 
sche Feuer  durch  seinen  Gipfel  Luft  gemacht,  die  gegen- 
wärtige Höhe  gehabt  habe,  oder  ob  nicht  vielnehr  mehrere 
geologische  Thatsachen  zusammengenommen  beweisen,  dafs 
sein  Kegel,  so  wie  der  Somma  des  Vesuvs,  aus  einer  Men- 
ge aufeinanderliegender  Lava -Schichten  zusammengesetzt 
seye. 

Ich  habe  den  Cotopaxi  und  den  Kopf  des  Inca  auf  der 
Westseite  des  Vulcans ,  in  dem  Meierhof  von  la  Siehega 
von  der  Terrasse  eines  schönen  Landhauses  aus  gezeichnet  j 
das  unserm  Freunde,  dem  jungen  Marquis  von  Maenza^ 
welcher  kürzlich  die  Granden- Würde  und  den  Titel  eines 
Grafen  von  Pugnelrostro  ererbt  hat,  gehört.  Um  in  diesen 
Ansichten  der  Anden- Spitzen  die  Berge,  welche  noch  thiiti- 
ge  Vulcane  sind^  von  denen,  die  nicht  mehr  auswerfen,  zu 
unterscheiden  ,  habe  ich  mir  erlaubt,  über  dem  Krater  des 
Cotopaxi  einen  leichten  Rauch  anzugeben  ,  ob  ich  gleich 
damals,  als  ich  diese  Skizze  machte^  keinen  daraus  aufstei- 
gen sah.  Das  Haus  von  la  Sienega,  das  von  einer,  tnit 
Hrn.  de  la  Condamine  sehr  genau  verbundenen ,  Person  er- 
baut wurde,  liegt  in  der  grofsen  Ebene,  die  sich  zwischen 
den  zween  Aesten  der  Cordilleren,  von  den  Hügeln  von 
Chisinche  und  Tiopullo,  bis  nach  Hambato,  ausdehnt.  Man 
sieht  hier,  zu  gleicher  Zeit  und  in  furchtbarer  Niihe^  den 
culossalen  Vukan  von  Cotopaxi,  die  aufgeschlossenen  Piks 
von  liinissa,  und  den  Nevado  von  Quelendana.  Es  ht  diefs 
eine  der  majestätischsten  und  imposantesten  Anöiehten,  ditf 
ixiir  auf  beiden  Hemisphären  vorgekoniimen  siftd. 


-     63     - 

(Siehe  meine  Ideen  zu  einer  Geographie  der  Pflan- 
zen,  S.  177.7  mein  Nivellement  barometrique ,  S.  29.; 
meine  Ansichten  der  Natur ,  B.  I.  S.  173.;  und  meinen 
politischen  Versuch  über  Neu- Spanien^  in  der  geogra^ 
phischen  Einleitung ,  B.  I.  S.  CXLVU.  —  CLL) 

Eilfte     Kupfertafel. 

Ein,  zu  O axaca  gefundenes,  mexicanisches 
Reli  ef. 

Dieses  Relief,  eines  der  merkwürdigsten  Ueberbleibsel 
mexicanischer  Bildhauerkunst,  ist  vor  wenigen  Jahren  in  der 
Nähe  der  Stadt  Oaxaca  gefunden  worden.  Die  Zeichnung  davon 
wurde  mir  von  einem  ausgezeichneten  Naturkundigen,  Hrn. 
Cervantes,  Professor  der  Botanik  in  Mexico,  mitgetheilt, 
dem  wir  die  Kenntnifs  der  neuen  Geschlechter  Cheiroste- 
mon,  Guardiolä  und  vieler  andern  Pflanzen  zu  verdanken 
haben,  welche  die  Herren  Sesse  und  Mocino  in  ihrer  Flora 
von  Neu-Spanien  herausgeben  werden.  Herr  Cervantes  er- 
hielt von  den  Personen ,  die  ihm  diese  Zeichnung  zuge- 
schickt haben ^  die  Versicherung,  dafs  solche  mit  der  gröfs- 
ten  Sorgfalt  copirt,  und  dafs  das  Relief,  welches  in  einen 
schwärzlichen  und  sehr  harten  Stein  gehauen  ist,  über  einen 
Meter  hoch  sey. 

Wer  sich  ein  besonderes  Studium  aus  den  toltekiscben 
und  aztekischen  Monumenten  gemacht  hat,  mufs  einer  Seits 
über  die  Aehnlichkeit  des  Reliefs  von  Oäxäca  mit  den  Figu- 
ren in  den  hieroglyphischen  Handschriften,  an  den  Idolen, 
und  auf  der  Bekleidung  mehrerer  Teocalli's ,  und  anderer 
Seits  über  die  Contraste  erstaunen,  die  sie  in  verschiedenen 
Rücksichten  gegen  letztere  bilden.  Statt  jener  untersetzten 
Menschen^  welche  kaum  fünf  Köpfe  hoch  sind,  und  an  den 
ältesten  etrurischen  Styl  efinnern,  bemerkt  man  auf  dem 
Relief  der  Uten  Platte  eine,  aus  drei  Figuren  von  schlanker 


-        64        - 

Form  bestehende ,  Gruppe ,  deren  ziemlich  richtige  Zeich- 
nung nicht  mehr  die  erste  Kindheit  der  Kunst  verr'äth.  Frei- 
lich mufs  man  befürchten,  dafs  der  spanische  Mahler,  der 
diese  Bildhauerei  inOaxaca  kopirte,  hie  und  da  die  Umrisse, 
besonders  an  den  Händen  und  Fufszehn ,  vielleicht  unwiil- 
kührlich  verbessert  habe ;  aber  darf  man  annehmen  ,  dafs  er 
das  Verhaltnifs  der  ganzen  Figuren  verändert  habe?  Ver- 
liert diese  Voraussetzung  nicht  alle  Wahrscheinlichkeit,  wenn 
man  die  ängstliche  Sorgfalt  ,  mit  der  die  Form  der  Köpfe, 
die  Augen  und  vorzüglich  die  Zierrathen  des  Helms  nachge- 
bildet sind  ,  bemerkt  ?  Diese  Zierrathen ,  unter  denen  mian 
Federn,. Bänder  und  Blumen  erkennt,  diese  aufserordentlich 
grofsen  Nasen ,  trift  man  auch  in  den  mexicanischen  Mahle- 
reien an,  welche  zu  Rom,  Veletri  und  Berlin  aufbewahrt 
werden.  Nur  wenn  man  Alles,  was  indem  nemlichen  Zeit- 
raum ,  und  durch  Völker  gemeinschaftlichen  Ursprungs , 
hervorgebracht  worden  ist,  zusammenitellt,  gelangt  man 
zu  einer  richtigen  Idee  von  dem  Styl,  welcher  den  Karakter 
der  verschiedenen  Monumente  bezeichnet;  wenn  man  anders 
die  üebereinstimmung,  die  man  unter  einer  Menge  von  fan- 
tastischen und  seltsamen  Formen  entdeckt,  einen  Styl  nen- 
nen darf. 

Man  könnte  ferner  fragen,  ob  sich  das  Relief  von  Oaxaca 
nicht  aus  einer  Zeit  herschreibe,  wo  die  indianischen  Bild- 
hauer, nach  der  ersten  Landung  der  Spanier,  schon  Kennt- 
nifs  von  einigen  europäischen  Kunstwerken  hatten  ?  Um 
diese  Frage  zu  untersuchen,  mufs  man  sich  erinnern,  dafs 
drei  oder  vier  Jahre  vorher,  ehe  sich  Cortes  des  Lands  von 
Anahuac  bemeisterte,  und  die  geistlichen  Missionarien  den 
indianischen  Künstlern  verboten  andre  Gegenstände,  als  hei- 
lige Figuren  darzustellen,  schon  Hernandez  von  Cordova, 
Antonio  Alaminos  und  Grixalva  die  americanischen  Küsten 
von  der  Insel  Cozumel  und  dem,  auf  der  Halbinsel  Vucatan 
^eilegenen ,  Vorgebirg  Catoche  aij^  bis  zur  Mündung  des 
^•'  "        ,  Flulises 


~       65       - 

Fluftes  Panuco,  besucht  hatten.  Diese  Eroberer  Hefsen  sich 
überall  ruit  deu  EiriN\ohnern  ein,  welche  sie  wohJgekleidet, 
^n  volkreichen  Städten  vereinigt  und  in  der  Civilisation  un- 
endlich weiter,  als  alle  andre  Völker  des  neuen  Continents, 
fortgeschritten  fanden.  Wahrscheinlich  kamen  den  Einge- 
bornen  durch  diese  militärischen  Züge  Kreutze,  Rosenkränze 
und  einige,  von  den  Christen  verehrte,  Bilder  in  die  Hände; 
auch  könnten  diese  von  Hand  zu  Hand,  von  den  Küsten  bis 
in  die  ir.nern  Länder  im  Gebirg  von  Oaxac^,  gelangt  seyn; 
aber  kann  man  annehmen,  dafs  der  Anblick  einiger  richtig 
gezeichneten  Figuren  die,  durch  den  Gebrauch  von  mehrern 
Jahrhunderten  geheiligten.  Formen  verdrängt  habe? —  Ohne 
Zweifel  würde  ein  mexicanischer  Bildhauer  das  Bild  eines 
Apostels  getreu  nachgebildet  haben  ;  aber  hätte  er  es  in  einem 
Lande,  wo  die  Eingebornen,  gleich  den  Indostanern  und 
Chinesen,  mit  der  grossen  Hartnäckigkeit  an  den  Sitten,  Ge« 
wohnheiten  und  Künsten  ihrer  Vorältern  hängen ,  wagen 
dürfen,  einen  aztekischen  Helden,  oder  eine  Gottheit  unter 
fremden  und  neuen  Formen  darzustellen  ?  Aufserdem  zei- 
gen die  historischen  Gemälde ,  die  von  mexicanischen  Mahlern 
nach  der  Ankunft  der  Spanier  verfertiget  worden  sind  ,  und 
deren  mehrere  sich  unter  den  Trümmern  der  Boturinischen 
Sammlung  zu  Mexico  befinden,  augenscheinlich,  wie  laiig- 
sam  die  europäischen  Künste  auf  den  Geschmack  und  die 
Richtigkeit  in  den  Zeichnungen  der  amerikanischen  Völker 
eingewirkt  haben. 

Ich  habe  für  nothwendig  gehalten,  die  Zweifel,  welche 
man  gegen  den  Ursprung  des  Reliefs  von  Oaxaca  erheben  kann, 
anzuführen.  Ich  liefs  es  in  Rom,  nach  der  Zeichnung, 
welche  mir  davon  mitgetheilt  wurde,  stechen  ;  bin  aber  weit 
entfernt,  über  ein  so  aufserordentliches  Monument  ,  das 
ich  nicht  einmal  selbst  untersuchen  konnte,  zu  entscheiden. 
Die  Architectur  des  Pallastes  zu  Mitla ,  die  Schönheit  der 
Grecgues  und  der  Labyrinthe,  womit  seine  Mauern  geziert 
Humboldt' s  pitt.  Ans.  d.  CordilL  5 


—      Ö6      — 

s^d,  beweisen,  dafs  die  Civillsarion  bei  den  zapotekischen 
Völkern  einen  höhern  Grad  erreicht  hatte,  als  bei  den  Kin- 
wohnern  des  Thals  von  Mexico.  In  dieser  Rücksicht  dürfen 
wir  uns  daher  weniger  darüber  wundern  ,  dafs  da&Jlelief , 
welches  unsre  Aufnnerksamkeit  fesselt,  zuOaxaca,  demal- 
ten HuaxyacaCf  das  der  Hauptort  des  Landes  der  Zapo- 
teken  war ,  gefunden  worden  ist.  Dürfte  ich  meine  eigene 
Meinung  aussprechen,  so  würde  ich  sagen,  dafs  es  mir  viel 
natürlicher  scheint,  dieses  Monument  Americanern,  die  noch 
nicat  mit  den  Weifsen  in  Verbindung  waren,  zuzuschreiben , 
als  anzunehmen,  dafs  sich  irgend  ein  spanischer  Bildhauer, 
4er  der  Armee  des  Cortes  gefolgt  ist,  den  Spafs  gemacht 
habe,  dieses  Werk,  zu  Ehren  des  überwundenen  Volks, 
jn  americanischem  Style  zu  verfertigen.  Die  Eingebornen 
<ier  Nordwestküste  von  America  sind  niemals  zu  den  sehr 
civilisirten  Völkern  gezahlt  worden  ,  und  doch  haben  sie  es 
zur  Ausführung  von  Zeichnungen  gebracht,  an  denen  eng- 
lische Reisende  die  Richtigkeit  der  Verhältnifse  bewundert 
haben.     {Dixoti's  Foyage,  p.  242). 

Was  es  nun  auch  damit  für  eine  Bewandtnifs  habe,  so 
scheint  es  gewifs  zu  seyn,  dafs  das  Relief  einen,  aus  der 
Schlacht  kommenden,  mit  Beute  von  seinen  Feinden  gezier- 
ten, Krieger  vorstellt.  Zween  Sclaven  sind  zu  den  füfsen 
des  Siegers  angebracht,  Ain  auffallendsten  an  dieser  Compo- 
sition  sind  die  ungeheuren  Nasen,  welche  an  den  sechs,  im 
Profil  gezeichneten,  Köpfen  wiederholt  sind.  Diese  Nasen 
sind  der  wesentliche  Karacter  aller  Denckmahle  von  mexi- 
canischer  Bildhauerei.  Auf  den,  sowohl  zu  Wien,  Rom  und 
Vel^tri,  als  in  dem  Pallast  des  Vice- Königs  zu  Mexico  auf- 
bewahrten,  hieroglyphischen  Gemälden  sind  alle  Gotthei- 
ten, Helden,  , und  selbst  Priester  mit  grofsen  Adlers.-  Nasen 
abgebildet,  welche  oft  gegen  die  Spitze  hin  durchstochen, 
und  mit  dar  AmphUbeiie  oder  der  geheimfiifsvoUen  zwei- 
köpfigen Schlange, geziert  sind.     V/'ielleicht  bezeichnet  diese 


-       67       -~ 

aufserordentliche  Physiognomie  auch  irgend  eine,  von  den 
gegenwlirtigen  Bewohnern  dieser  Gegenden  sehr  verschieb 
dene,  Menschenra9e,  die  eine  dicke,  platte  Nase  hatte,  und 
von  mittelmafsiger  Leibesgröfse  war.  i\uc}i  wäre  es  mög- 
lich, dafs  die  aztekischen  Völker  mit  dem  Fürsten  der  Phi- 
losophen {Plato  de  Repuhlica ,  Lih.  VJ)  geglaubt,  eine 
grofse  Nase  habe  etwas  Majestätisches  und  Königliches 
(,^«ö-/X/xov)' und  dafs  sie  solche  in  ihrem  Relief  und  Mahlereien 
als  das  Symbol  der  Macht  und  moralischen  Gröfse  betrachtet 
hätten. 

In  der  mexicanischen   Zeichnung    ist  die  zugespitzte 
Form  der  Köpfe  nicht  minder  auffallend,  als  die  Gröfse  der 
Nasen.     Untersucht  man  den  Schädel  der  EIngebornen   von 
America  osteologisch ,  so  ergiebt  sich,  wie  ich  schon  anders- 
wo bemerkte ,    dafs  keine  Menschenrage  auf  dem  Erdboden 
das  Stirnbein  stärker  nach  hinten  niedergedrückt,  oder  eine 
kleinere  Stirne  habe.     (Blu?ncnbach,  Decas  quinta  cra^ 
niorum,   t8o8.  S.   14.  Tab.   46).     Diese   aufserordentliche 
Abplattung  findet  sich   bei   den  Völkern   von   kupferfarber 
RaQe,  welche   nie  die  Gewohnheit  gekannt  haben,  künst- 
liche ünformen  hervorzubringen ,  wie  die  Schädel  der  me- 
xicanischen ,    peruanischen  und  Atures-In dianer  bewiesen  > 
die  Herr  ßonpland  und   ich  mitgebracht,    und  wovon  wir 
mehrere  In  dem  Museum  der  Naturgeschichte  zu  Paris  nie- 
dergelegt haben.     Die  Negern  geben  den   dicksten  und  her- 
vorragendsten Lippen  den  Vorzug;  die  Calmücken  gestehen 
solchen  den  Stülp-Nasen  zu  ,  und  ein  berühmter  Gelehrter, 
Herr  Cuvler  (^Lecons  d' Anatomie  comparee.    B.  IL  6.)t 
bemerkt,   dafs  die  griechischen  Künstler,    bei  den  Statuen 
der  Helden  die  Oesichtslängen- Linie  auf  eine  unnatürliche 
Weise  um  95  bis  loo  Grade  erhöhet  haben.     Ich  bin  geneigt 
zu  glauben,  dafs  der,  bei  einigen  wilden  Horden  eingeführte 
Gebrauch,    den  Kopf  der  Kinder  zwischen  zwei  Brettern 
zusammenzudrücken,  seinen  ürsprung^von  der  Idee  genom- 

5- 


-       68       - 

mcn  hat,  dafs  die  Schönheit  (inf  dieser  aufserordentlichen 
Abplattung  des  Stirnbeins,  durch  welche  die  Natur  dieame- 
ricanische  Ra9e  karakterisirt  hat,  bestehe.  Ohne  Zweifel 
iiaben  selbst  die  aztekischen  Völker,  welche  niemals  die 
^v  Köpfe  ihrer  Kinder  verunstalteten  ,  nach  diesem  SchÖnheits- 

Princip  ihre  Helden  und  vorzüglichsten  Gottheiten  mit  einem 
viel  stärker  abgeplatteten  Kopfe  vorgestellt,  als  mir  je  un- 
ter den  Caraiben  am  Mieder-Orinoco  vorgekommen  ist. 

Der,   auf  dem  Relief  von  Oaxaca  abgebildete,  Krieger 
zeigt  eine  ganz  besondere  Mischung  von  Trach^^en.   Die  Zier- 
rathen  seines  Kopfputzes,    der  die  Form  eines  Helms  hat, 
\  lund  die  an  der  Standarde  (^Signmn,')  y  welche  er   in  der  lin- 

ken Hand  hält,  und  auf  der  man,  wie  auf  der  Fahne  des 
Oeotelolco,  einen  Vogel  erblickt,  finden  sich  auf  allen  azte- 
kischen Malereien.  .  Das  Leibkleid  mit  langen  und  engen 
Aermeln  erinnert  an  das  Gewand  ,  das  bei  den  mexica» 
nern  Ichcahuepilli  hiefs;  aber  das  Netz,  das  die  Schultern 
bedeckt,  ist  ein  Zierrath,  welchen  man  sonst  nicht  mehr 
bei  den  Indianern  vorfindet.  Unter  dem  Gürtelist  die  Haut 
eines  laguar,  wovon  man  den  Schwanz  nicht  abgeschnitten 
hat.  Die  spanischen  Geschichtschreiber  melden  ,  dafs  die 
mexicanischen  Krieger,  um  in  dem  Streit  fürchterlicher  aus- 
zusehen, ongeheure  Helme  von  Holz  in  Form  von  Tiger- 
köpfen trugen  ,  deren  Rachen  mit  Zähnen  von  diesem  Thier 
IjCsezt  war.  Zween  Schädel,  ohne  Zweifel  von  überwun- 
denen Feinden ,  sind  an  dem  Gürtel  des  Siegers  befestiget, 
und  seine  Füsse  mit  einer  Art  von  Halbstiefeln  bedeckt 
welche  an  die  ffxiXtui  oder  Caligae  der  Griechen  und  Rö- 
mer erinnern. 

Die,  zu  den  Füfsen  des  Üeberwinders  mit  gekreuzten 
Beinen  sitzenden,  Sclaven  sind  wegen  ihrer  Stellungen  und 
ihrer  Nacktheit  sehr  merkwürdig.  Der  zur  Linken  gleicht 
den  Figuren  jener  Heiligen,  die  man  auf  hindostanischen  Ge- 
mälden sehr  häufig  antrift,  und  die  der  Seemann  Roblet  auf 


-      69     - 

der  nordwestlichen  Küste  von  America  unter  den  hierogly- 
phischen Malereien  der  Bewohner  des  Coox-Canals  gefunden 
hat.  (Foyage  de  Marchand,  B.  L  S.  312).  Es  wäre 
übrigens  leicht,  auf  diesem  Relief  die  phrygische  Mütze  und 
die  Schürze  (^m^tad^et)  der  egyptis^rhen  Statuen  zu  finden , 
wenn  man  einem  Gelehrten  {Court  de  Gebeliri)  folgen 
wollte,  der,  durch  seine  feurige  Einbildungskraft  verleitet, 
in  dem  neuen  Continent  karthaginensische  Innschriften  und 
phönizische  Denkmale  zu  entdecken  glaubte.  (Siehe  Ar- 
chaeologia :  or  miscellaaeous  tracts  relating  to  Antiqui- 
ty  ;  published  by  the  Society  of  Antiquarians  oj 
London,     Vol.  VUI ,  S.  390.) 


Zwölfte   Kupfertafel. 
Genealogie    der   Fürsten  von  Azcapozalco. 

Man  hat  auf  dieser  Tafel  zwei  Bruchstücke  von  hiero- 
glyphischen Gemählden  zusammengestellt ,  welche  beide 
jünger  sind,  als  die  Ankunft  der  Spanier  auf  den  Küsten 
von  Anahuac.  Die  Originale,  nach  welchen  diese  Zeich- 
nungen gemacht  wurden,  gehören  zu  den  aztekischen  Hand- 
schriften, die  ich  aus  Neu-Spanien  mitgebracht,  und  in  der 
königlichen  Bibliothek  zu  Berlin  niedergelegt  habe.  Der, 
mittelst  mehrerer  Wechselplatten  abgedruckte,  Kupferstich 
ahmt,  aufser  der  Zeichnung,  auch  die  Farbe  des  mexicani- 
schen  Papiers  vollkommen  nach.  Er  erinnert  an  den  be- 
rühmten Umschlag  einer  Mumie ,  welche  sich  einige  Zeit  in 
dem  Cabinet  eines  Privatmanns  zu  Strasburg  befand,  und 
womit  nun  das  egyptische  Institut  seine  grofsen  und  kost- 
baren Sammlungen  bereichert  hat. 

Das  Papier,  welches  zu  den  hieroglyphischen  Mahle- 
reien der  aztekischen  Völkern  diente,  hat  viele  Aehnlich- 
keit  mit  dem  alten  egyptischen,  aus  Fasern  von  Schilf  (C^- 
perus  papyrus)  verfertigten,  Papier,  das,  nach  des  Herrn 


—      7^      — 

Landolina's  Bemerkung,  auch  in  der  Gegend  von  Syrakus, 
wie  an  den  Ufern  des  NÜs»   wild   wächst.      Die   Plla.ize, 
welche  man  in  Mexico   zur  Verfertigung  des   Papiers  ge- 
brauchte, ist  die  nemitche,  die  in  unsern  Gärten  unter  dem 
Namen   Aloe  vorkommt.      £s  isc  die  Agave  americana, 
von  den  Völkern  azttkischen  Stamms  Metl ,  oder  Maguey 
benannt.      Die  Verfahrungsart  bei  Verfertigung  dieses  Pa- 
piers kam  ungefähr  derjenigen  gleich,  welche  in  den  luseln 
des  Südmeers  t)ei  Anwe:i-ung  der  Rinde  des  Papier- Maul- 
beerbaums (Järoussonetiapapyrijera)  zu  ähnlichem  Zwe- 
cke, befolgt  wird.     Nachdem  man  nemlich  die  Blätter  und 
Stiele  lange  genug  im  Wasser  eingeweicht  hatre,   um  die 
Fasern  davon  zu  trennen,  leimte  man  diese  lagenweis  über 
einander.     Dieses  Papier  aus  Metl  war  von  verschiedener 
Qualität;    einiges   gleich  dem  Papendeckel,    anderes  hätte 
man  für  das  feinste  chinesische  Papier  halten  können.     Ich 
habe  Stücke  gesehen,    die  3  Meters  lang,   und  zwei  breit 
waren.    In  dem  alten  Anahuac  war  der  Verbrauch  dieses 
Papiers  so  grofs ,   dafs  nach  denen ,    von  Thevenot ,    und 
neuerlich  von  dem  Cardinal  Lorenzana  zu  Mexico  herausge- 
gebenen, Registern  der  Tribute,  die  Städte  Quauhnahuac, 
Panchimalco,  Atlacholoajan ,  Xiuhtepec  und  Huitzilac  dem 
König  Montezuma  jahrlich  16000  ßaiien  Metl-Papier  bezahl- 
ten.   Heutzutag  l]^ngegen  wird  die  Agave  nicht  mehr  we- 
gen des  Papiermachens  gebaut,   sondern  um,  zur  Zeit  der 
Entwicklung  des  Stiels  und  der  Blumen,   aus  ihrem  Saft 
den  berauschenden  Trank,  der  unter  dem  Namen  Octli  oder 
Pulgue  bekannt  ist,  zu  bereiten  ;  denn  die  Agave  oder  Metl 
kann  zugleich  die  Stelle  des  asiatischen  Hanfs,  des  egypti- 
schen  Schilfs  und  d'c-s   europäischen   Weinstocks   vertreten. 
Der  Bau  dieser  Pflanze,   welche  auf  den  höchsten  und  käl- 
testen Piateau's  fortkommt,   ist  ein  so  bedeutender  Gegen- 
stand für  den  Fiscus,  dafs  die  Abgaben  von  der  Einfuhr'  des 
Puique  in  den  drei  St'^,dten  Mexico,  Toluca  und  Puebla  der 


-     71      — 

Regierung  den  jährlichen  reinen  Ertrag  von  beinahe  vier 
Millionen  Frafiken  abwerfen.  (S.  meinen  politischen  Ver- 
such über  das  Königreich  Neu-Spanien.  B.  IV.  Kap.  IX.) 
Das  Gemähide,  wovon  sich  unten,  auf  der  zwölften 
Kupfertafel  eine  Copie  befindet,  ist  fünf  Decimeters  lang,  und 
drei  breit.  Es  hat  sich  gut  erhalten,  die  Farben  sind  sehr 
bbhiift,  und  das  Agave  -  Papier ,  welches  durch  die  Zeit 
gelb  geworden  ist,  sehr  fein  und  gleich  gewoben.  Wahr- 
Soht^inlich  hat  dieses  Bruchstück  von  Hieroglyphen-Schrift, 
das  ich  zu  Mexico  in  der  Versteigerung  der  Sammlungen 
des  Herrn  Gama  gekauft  habe,  ehemals  dem  Museum  des 
Ritters  ßoturini  Benaducci  angehört.  Dieser  mailändische 
Reisende  war  aus  keiner  andern  Ursache  über  das  Meer  ge- 
gangen, als  um  die  Geschichte  der  eingebomen  Völker  von 
America  an  Ort  und  Stelle  selbst  zu  studieren.  Als  er  aber 
dai>  La 'd  bereifste ,  um  die  Monumente  zu  untersuchen,  und 
bei  den  Indianern  Alles,  was  auf  ihre  Mythologie,  ihre  Ge- 
setze und  den  alten  Zustand  ihrer  Civilisation  Bezug  hatte, 
zu  sammeln ,  widerfuhr  ihm  das  Unglück,  dafs  er  das  Mifs- 
trauer,  der  spanischen  Regierung  erweckte.  Nachdem  man  ihn 
daher  aller  Früchte  seiner  Bemühungen  beraubt  hatte,  wur- 
de er  im  Jahr  1736  als  Staatsgefangener  nach  Madrid  ge- 
schickt. Hier  erklärte  ihn  der  König  von  Spanien  nun  frei- 
lich für  unschuldig;  aber  diese  Erklärung  verhalf  ihm  nicht 
wieder  zu  seinem  Eigenthum.  Diese  Sammlungen,  von  de- 
nen Boturini  am  Ende  seines,  zu  Madrid  gedruckten,  Essai 
sur  l'Histoire  ancienne  de  la  Nouvelle-  Espagne  das 
Verzeichnifs  bekannt  gemacht  hat,  blieben  in  den  Archiven 
des  Königreichs  Mexico  begraben,  und  man  hat  diese  kost- 
bare Reste  aztekischer  Cultur  mit  so  wenig  Sorgfalt  aufbe- 
wahrt, dafs  heutzutag  kaum  noch  der  achr'e  Theil  von  den 
hierogiyphischen  Handschriften  übrig  ist,  welche  dem  ita- 
lienischen Reisenden  abgenommen  wurden. 


♦ 


—      72      — 

Diejenigen,  welche  von  Boturini  das  genealogische  Ge- 
mHhlde,  das  wir  liefern,  besafsen,  fügten  demselben  erklä- 
rende Noten,  bald  in  mexicanischer,  bald  in  spanischer 
Sprache ,  bey.  Man  ersieht  aus  diesen  Anmerkungen  ,  dafs 
die  Familie,  deren  Genealogie  die  Zeichnung  darstellt,  die 
der  Herren  (Tlatoanis)  von  Azcapozalco  ist.  Das  kleine 
Land  dieser  Fürsten,  welchem  die  Tepaneken  den  prachti- 
gen Namen  eines  Königreichs  gaben ,  lag  in  dem  Thal  von 
Mexico,  an  dem  westlichen  Ufer  des  Sees  von  Tezcuco, 
nördlich  von  dem  Flufs  Escapuzalco.  Torquemada  sagt, 
dafs  diese,  auf  das  Alter  ihres  Adels  eifersüchtige  Fürsten 
ihren  Ursprung  bis  in  das  erste  Jahrhundert  unserer  Zeit- 
rechnung hinaufgesetzt  haben.  Sie  waren  nicht  von  mexi- 
canischem  oder  aztekischem  Stamme,  sondern  betrachteten 
sich  als  Abkömmlinge  von  den  Königen  der  Acolhuen ,  wel- 
che das  Land  Anahuac  vor  der  Ankunft  der  Azteken  regiert 
hatten.  Diese  letztere  machten  sich  die  Fürsten  von  Azca- 
pozalco zinsbar,  und  zwar  im  eilften  Calli  der  mexicanischen 
Zeitrechnung,  welcher  mit  dem  Jahr  1425  unsers  Kalenders 
Übereinstimmt. 

Das  genealogische  Gemahlde  scheint  24  Generationen 
2U  umfassen,  die  durch  eben  so  viele,  unter  einander  ge- 
stellten Köpfe  bezeichnet  sind.  Man  darf  sich  nicht  wun- 
dern, dafs  man  nie  mehr,  als  einen  einzigen  Sohn  sieht; 
denn  auch  bei  den  ärmsten  Indianern,  die  zugleich  zinsbar 
sind,  wird  alles  nach  dem  Majorat  vererbt.  (Gomara  Hist, 
de  la  Conquista  de  Mexico^  1553-  ft)^«  CXXL)  Die  Ge- 
nealogie beginnt  mit  einem  Fürsten  Namens  Tixipirzin ,  den 
man  nicht  mit  Tecpaltzin ,  dem  Oberhaupt  der  Azteken  bei 
ihrer  ersten  Auswanderung  aus  Aztlan,  noch  mit  Topiltzin, 
dem  letzten  König  der  Tolteken,  verwechseln  darf;  aber 
man  wird  sich  vielleicht  wundern ,  it^tt  des  Namens  Tixl- 
pitzin  nicht  den  von  Acolhuatzin ,  dem  ersten  König  von 
Azcapozalco  von  der  Familie  der  Cltin ,  zu  finden ,  wel- 


-       73       - 

eher,  nach  der  Tradition  der  Eingebornen,  in  einem  sehr 
entfernten  Lande,  nördlich  von  Mexico  regierte.  Neben  dem 
vierzehnten  Kopf  steht  der  Name  Vitznahuatl  geschrieben. 
Wäre  dieser  Fürst  nur  Eine  Person  mit  einem  König  von 
Haexotla,  den  die  mexicanischen  Geschichtschreiber  auch 
Vitznahuatl  nennen,  und  der  um  das  Jahr  1430  lebte,  so 
würde,  nur  ;^o  Jahre  auf  eine  Generation  gerechnet,  die 
Genealogie  der  Familie  Azcapozalco  bis  zum  Jahr  loio 
unserer  Zeitrechnung  hinaufreichen.  Aber  wie  soll  man  in 
diesem  FiU,  da  die  Zeichnung  gegen  Ende  des  i6ten  Jahr- 
hunderts gemacht  zu  seyn  scheint,  die  zehn  folgenden  Ge- 
nerationen erklären  ?  Ich  will  hierüber  eben  so  wenig  ent- 
scheiden, als  warum  die  Jahrszahl  1565  zwischen  dem  Na- 
men der  beiden  Fürsten  Anahuacatzin  und  Quauhtemotzin 
steht.  Man  weifs,  dafs  letzteres  der  Name  des  unglückli- 
chen aztekischen  Königs  ist,  welchen  Gomara  fälschlich 
Quahutimoc  nennt,  und  der,  auf  Cortes  Befehl,  im  Jahr 
1521  an  den  Füf  en  aufgehängt  wurde,  wie  diefs  durch  eine, 
sehr  kostbare,  in  dem  Kloster  von  San-Felipe  Neri  zu  Me- 
xico aufbewahrte  hieroglyphische,  Geschichte  erwiesen  ist. 
(Siehe  meinen  politischen  Versuch  über  Neu-  Spanien. 
B.  2.  S.  57.)  Aber  wie  sollte  dieser  König,  ein  Neffe  von 
Monteznma,  in  die  Familie  der  Herrn  oder  Tlatoanis  von 
Azcapozalco  kommen? 

So  viel  ist  gewifs,  dafs,  als  der  letzte  dieser  Fürsten 
das  genealogische  Gemähide  seiner  Vorfahren  verfertigen 
liefs,  sein  Vater  und  Grosvater  noch  am  Leben  waren.  Die- 
ser Umstand  wird  durch  die  kleinen  Zungen,  welche  in 
einiger  Entfernung  von  dem  Mund  angebracht  sind ,  deut- 
lich bezeichnet.  Ein  todter  Mensch,  sagen  die  Eingebornen, 
ist  zu  ewigem  Stillschweigen  gebracht:  ihrer  Meinung  nach 
ist  leben  reden;  und,  wie  wir  bald  sehen  werden,  viel  reden 
ein  Zeichen  von  Macht  und  Adel.  Diese  Figuren  von  Zun- 
gen finden  sich  auch  auf  dem  mexicanischen  Gemähide  von 


—        74        — 

der  allgemeinen  üeberschwemmung ,  welches  Gemelli  nach 
der  Handschrifr  des  Siguenza  bekannt  gemacht  hat.  IVlan 
sieht  auf  demselben  stumnngeborne  Menschen,  die  sich  zer- 
streuen, um  die  Erde  wieder  zu  bevölkern ,  und  einen  Vo- 
gel ,  welcher  33  verschiedene  Zungen  unter  sie  vertheilt. 
Auf  gleiche  Weise  wird  ein  Vulcan,  wegen  des  unterirdi- 
schen Geräusches,  das  manchmal  in  seiner  Nilhe  gehört 
wird,  von  den  Mexicanern  als  ein  Kegel  abgebildet,  über 
welchem  mehrere  Zungen  schweben ,  und  heifst  ein  Vulcan 
überhaupt  der  redende  Berg.  (^  Siehe  oben  in  der  J3e« 
Schreibung  der  siebenten  Kupfertafel.) 

Es  ist  sehr  merkwürdig,  dafs  der 'mexicanische  Mahler 
nur  den  drei  Personen,  die  zu  seiner  Zeit  lebten,  das  Dia- 
dem (Copilli)y  w^elches  ein  Zeichen  der  unumschränkten 
Herrschaft  ist,  gegeben  hat»     Man  findet  diesen  nemlichen 
Kopfputz,  aber  ohne  den  Knoten,  welcher  sich   gegen   den 
Rücken  verlängert,  auf  den,  von  dem  Abbe  Clavigero  her- 
ausgegebenen, Figuren  der  Könige  von  der  aztekischen  Dy- 
nastie.    Der  letzte  Spröfsling  der  Herrn  von  Azcapozaico 
ist  auf  einem  indianischen  Sessel  sitzend ,  und  mit  blofsen 
Füfsen  abgebildet;  dahingegen  die  todten  Könige  nicht  al- 
lein ohne  Zunge,  sondern  auch  die  Füfse  in  den  königlichen 
Mantel  (^Xuhtilmatli)  eingehüllt,    dargestellt  sind,   was 
diesen  Bildern  eine  grofse  Aehnlichkeit  mit  den  egyptischen 
Mumien  giebt.    Es  ist  beinahe  überflüfsig,   hier  die  allge- 
meine Bemerkung  zu  wiederholen  ,  dafs  auf  allen  mexicani- 
schen  Gemählden  die  Gegenstände,  weiche  durch  einen  Fa- 
den mit  dem  Kopf  verbunden  sind,  den  Kennern  der  Sprache 
der  Eingebornen  die  Namen  der  Personen  andeuten,  welche 
der  Mahler  vorstellen  wollte.  Auch  cennen  die  Eingebornen 
diesen  Namen  im  Augenblick,    da  sie  einen  Blick  auf  die 
Hieroglyphen  werfen.     Chimalpopoca  bedeutet  einen   rau- 
chenden Schild;    Acamapitzin ,  eine  Hand,  welche  Schilf- 
rohre hält.     Die  Mexicaner  mahlten  daher,    wenn  sie  d  e 


—      75     -^ 

Namen  dieser  beiden  Könige,  der  Vorgänger  von  Montezu- 
ma,  andeuten  wollten,  einen  Schi  d  und  eine  Faust,  die, 
mittelst  eines  Fadens,  an  zvvey,  mit  der  königlichen  Binde 
gezierte,  Köpfe  geknüpft  waren.  Ich  habe  sogar  auf  Ge- 
mUhlden  ,  welche  nach  der  Eroberung  verfertiget  worden 
sind  ,..den  fapfern  Pedro  Alvarado  mit  zweyen  hinter  sei- 
nem Nacken  angebrachten  Schlüsseln  dargestellt  gesehen, 
was  wahrscheinlich  auf  die  Schlüssel  des  heiligen  Pe- 
trus anspielte,  von  denen  das  Volk  überall  Abbildungen  in 
den  christlichen  Kirchen  sah.  Was  die  Fufsstapfen  hinter 
den  Köpfen  ?uf  unsrem  genealogischen  Gemahlde  bedeuten, 
ist  mir  unbekannt;  auf  andern  aztekischen  Mahlereien  aber 
bezeichnet  diese  Hieroglyphe  Strafsen,  Wanderungen  und 
•manchmal  die  Richtung  einer  Bewegung. 

Ein  Prozefs'Stück  in  Hier ogl yphen-Schrift, 

Unter  der  grofsen  Menge  von  Mahlereien,  welche  die 
ersten  Eroberer  bei  den  mexicanischen  Völkern  fanden,  hat- 
ten viele  die  Bestimmung,  als  Documente  in  Streitsachen 
zu  dienen.  Das  Fragment,  welches  der  Genealogie  der 
Herrn  von  Azc  pozalco  beigefügt  ist,  zeigt  uns  ein  Beispiel 
dieser  Gattung,  nemlich  ein  Stück  aus  einem  Procefs,  der 
über  den  Besitz  eines  indianischen  Meierhofs  erhoben  wurde. 

Unter  der  Dynastie  der  aztekischen  Könige  war  das  Ge- 
werbe der  Advocaten  in  Mexico  unbekannt.  Die  Pardiion 
erschienen  in  Person,  um  ihre  Sache  entweder  vor  dem  Rich- 
ter des  Orts,  Teuctli  genannt,  oder  vor  den  obersten  Ge- 
richtshöfen ,  die  mit  den  Namen  Tlacatecatl  oder  Cihuacoatl 
bezeichnet  wurden ,  zu  verfechten.  Da  der  Urtheilsspruch 
nicht  sogleich  nach  Anhörung  der  Parthien  gegeben  wur- 
de, so  erheischte  der  Vortheil  der  Procefsierenden,  in  den 
Händen  der  Richter  eine  hieroglyphi&che  Mahlerei  zu  lassen, 
welclie  diese  an  den  Hauptgegenstand  ihres  Streits  erin- 
nerte.    Führte  der  König  selbst  in   der  Versammlung  der 


.^-■' 


-     76      - 

Richter  den  Vorsitz,  was  alle  zwanzig  und,  in  gewifsen 
Fällen ,  nur  alle  achtzig  Tage  der  Fall  war,  so  wurden  diese 
Procefsschriften  unter  die  Augen  des  Monarchen  gelegt.  Bei 
Criminal-Fällen  stellte  das  Gemahlde  den  Angeklagten  nicht 
nur  in  dem  Augenblick  vor,  da  er  das  Verbrechen  begangen, 
sondern  auch  in  den  verschiedenen  Umstanden  seines  Lebens, 
welche  dieser  Handlung  vorhergegangen  waren.  Wenn  der 
König  das  Todesurtheil  aussprach,  so  zog  er  mit  der  Spitze 
eines  Wurfspiefses  einen  Strich  durch  den  Kopf  des,  auf 
dem  Gemähide  abgebildeten,  Angeklagten. 

Der  Gebrauch  dieser,  zu  Procefs- Schriften  dienenden, 
Malereien  erhielt  sich  noch  lange  Zeit  nach  der  Eroberung 
bei  den  spanischen  Tribunalen.  Da  die  Eingebornen  nicht 
anders,  als  mittelst  eines  Dollmetschers ,  zu  ihren  Richtern 
sprechen  konnten,  so  hielten  sie  4ie  Anwendung  von  Hie- 
roglyphen für  doppelt  nöthig,  und  man  legte  sie  den  ver- 
schiedenen Justizhüfen  in  Neu-Spanien  (der  Real  Audien- 
cia,  der  Sala  del  Crimen,  und  dem  Jiisgado  de  Indios) 
noch  bis  zu  Anfang  des  17^«"  Jahrhunderts  vor.  Als  Kaiser 
Carl  V.,  seinem  Plan  zufolge,  die  Künste  und  Wissenschaf- 
ten auch  in  diesen  eptfernren  Gegenden  blühen  zu  machen, 
im  Jahr  1553  die  Universität  zu  Mexico  stiftete,  wurden 
drey  Lehrstühle  für  den  Unterricht  in  der  aztekischen  und 
olomischen  Sprache,  und  für  die  Erklärung  der  hierogly- 
phischen Mahlereien  errichtet,  und  man  hielt  es  lange  Zeit 
für  unumgänglich  nöthig,  Advocaten,  Procuratoren  vind 
kichter  zu  haben,  welche  im  Stand  wären,  die  Procefs- 
Schriften,  die  genealogischen  Mahlereien,  den  alten  Codex 
der  Gesetze  und  das  Verzeichnifs  der  Auflagen  (Jributos) 
welche  jedes  Lehen  seinem  Ober- Lehnsherrn  entrichten  mufs- 
te,  zu  lesen.  Noch  gegenwärtig  sind  in  Mexico  zween  Pro- 
fessoren für  die  indianischen  Sprachen,  und  nur  der»  dem 
Studium  der  aztekischen  Alterthümer  gewidmete,  Lehrstuhl 
ist  eingegangen.    Der  Gebrauch  der  Mahlereien  hat  sich  völ- 


—      77      — 

Hg  verloren,  nicht,  als'  ob  die  spanische  Sprache  bei  dau 
Eil  gebornen  grössere  Fortschritte  gemacht  hatte,  sondern 
weil  Letztre  wissen,  dafs  es  ihnen  ,  bey  der  gegenwärtigen 
Einrichtung  der  Tribunale,  weit  nützlicher  ist,  ihre  Rechts- 
sachen durch  Advocaten  vor  dem  Richter  vertheidigen  zu 
lassen. 

Das  GemUhlde  auf  der  zwölften  Tafel  scheint  einen  Pro- 
cefs  zwischen  Spaniern  und  Eingebornen  zu  enthalten.  Der 
Gegenstand  des  Streits  betrift  eine  Meierei,  von  der  der 
Grundrifs  beigefügt  ist.  Man  erkennt  die  Landstrafse,  wel- 
che durch  Fufsstapfen  bezeichnet  ist,  im  Profil  gezeichnete 
Häuser,  einen  Indianer,  dessen  Namen  durch  einen  Bogen 
angegeben  wird;  und  spanische  Richter,  die  auf  Stühlen 
sitzen  und  die  Gesetze  vor  sich  haben.  Der,  zunächst  über 
den  Indianer  gestellte ,  Spanier  nennt  sich  wahrscheinlich 
Aquaverde;  denn  die  Hieroglyphe  von  grün  gemahltem 
Wasser  befindet  iich  hinter  seinem  Kopf,  Die  Zungen  sind 
auf  diesem  Gemähide  sehr  urgleich  vertheilt.  Alles  kündigt 
den  Zustand  eines  eroberten  Landes  an ;  kaum  wagt  es  der 
Eingeborne,  seine  Sache  zu  vertheidigen,  wahrend  die 
Fremden  mit  langen  Bärren  als  Abkömmlinge  eines  erobern- 
den Volks  viel  und  laut  sprechen. 


Efc 


_1. 


11 


Hollinger  Corp. 
pH  8.5